(aktualisiert am 14. Februar 2020)

ZwischenZeit-Artikel:

R e i s e n –  Editorial

Ein Amerikaner in der „Elektrischen“

Die Felszeichnungen und das Elchmuseum von Glösa

Durch Paris auf den Spuren des „Bauchs“

Irland   –  eine Reise auf die grüne Insel

Unterwegs mit der S-Bahn

Gesponserte Ofenschlupfer

Mit dem Finger auf der Landkarte

Extra 2: November (Gedicht) – Die Herbst- und Winterzeit


R e i s e n –  Editorial

Ein Amerikaner in der „Elektrischen“: Schwäbisch-amerikanische Verständigungsschwierigkeiten bei einer Fahrscheinkontrolle in der alten Ulmer Straßenbahn  der Nachkriegszeit.

Die Felszeichnungen und das Elchmuseum von Glösa: Ein Reiseerlebnis in Schweden, das den Besuchern  Lebenswelt und Kultur der steinzeitlichen Jäger vor etwa 6000 Jahren bildhaft vor Augen führte.

Durch Paris auf den Spuren des „Bauchs“: Im Buch schildert  2015 der „Bauch“, Starkoch Vincent Klink, seine Spaziergänge und kulinarischen Erlebnisse in den Pariser Restaurants und Cafés.  Von Letzteren konnte das Au-pair-Mädchen damals 1960 nur träumen.

Irland   –  eine Reise auf die grüne Insel: Eine Rundreise im Bus durch Irlands Süden zu historischen Sehenswürdigkeiten und eindrucksvollen Naturlandschaften  mit Berücksichtigung der Whiskey-Herstellung.

Unterwegs mit der S-Bahn: Die S-Bahn vor Ort ist ein unentbehrliches öffentliches Verkehrsmittel im Halbstundentakt und im Normalfall verlässlich. Aber es gibt auch Tage, wie diesen im August 18.

Gesponserte Ofenschlupfer: Reisen ohne Einkehr geht gar nicht. Aber ob die heimische Regionalküche so „originell“, wie es im Spitzensport ja üblich ist, beworben werden sollte, ist fraglich.

Mit dem Finger auf der Landkarte: Diese Art zu reisen ist bei Fernwehattacken sehr zu empfehlen und kann jederzeit wohin auch immer kostenlos und umweltschonend unternommen werden.

Für die ZwischenZeit-Redaktion: Sabine Wenzel


Ein Amerikaner in der „Elektrischen

Es gab einmal eine Zeit, kurz nach dem Krieg, in der sich das „Reisen“ strikt auf lokale Ziele beschränkte. Und die „Reise“ von einem Stadtende zum anderen war trotzdem voll von Eindrücken, Merkwürdigkeiten und Überraschungen. In Ulm rumpelte die Straßenbahn, die „Elektrische“, wie sie die Alt-Ulmer nannten, nach Kriegsende relativ schnell wieder durch die sich ständig ändernde Ruinenkulisse. Ich „reiste“ auf dem „Perron“ des Vehikels, der Einstiegsplattform mit einer Schiebetür, durch die man ins Innere des Wagens mit den Holzsitzbänken gelangte. Zur Möblie- rung der Karre gehörten auch jede Menge Lederschlaufen, die von der Decke baumelten, und die Stehplatzinhaber waren gut beraten, sich daran festzuhalten, denn die Karosserie schaukelte fürchterlich. Nur durch ständige Gewichtsverlagerung blieb man in der Senkrechten, was zu pausenlosem Hüftkreisen führte. Als ich zustieg, stand schon ein junger, amerikanischer Besatzungssoldat auf dem Perron, der auch keine Lust hatte, sich am Zwangsbauchtanz, da drinnen, zu beteiligen. Die amerikanischen Soldaten konnten die Straßenbahn kostenlos benützen, mussten aber trotzdem im Besitz eines weißen Fahrscheins sein – warum auch immer.  Dennoch waren Amis in der Straßenbahn eher selten anzutreffen, denn sie hatten ihren eigenen Busshuttle zu den teilweise weit außerhalb liegenden Kasernen. Nun gut, mein Umsteigefahrschein war kostenpflichtig und grün.
Nach zwei Haltstellen wurde die Schiebetür vom Innenraum her aufgeknallt, ein Kon-trolleur erschien auf der Schwelle, gab ein paar Takte seines Raucherhustens zum Besten und dröhnte: „Fahrscheikontroll!“
Der Respekt wäre dem Nahverkehrsfeldwebel auch bei einem weniger lautstarken Auftritt sicher gewesen, denn seine Dienstmütze, die graue Uniform mit Breeches-hose und die kniehohen Schaftstiefel verliehen ihm eine damals noch „natürliche“ Autorität.

Die Verständigungsprobleme der Fahrscheinkontrolleure löste man in Ulm im Verlauf von Jahrzehnten dadurch, indem man die Straßenbahn und die Amis aus dem Verkehr zog.

Artig zeigte ich meinen grünen Zettel vor, den der Schwarzfahrerjäger wie eine Kino-karte per Einreißen entwertete. Dann wandte er sich dem an der Wand lehnenden „GI“ zu: „Ihran Fahrschei, bitte!“ Offensichtlich war aber der Ami noch nicht vom Reiseleiter, „Schaffner“ genannt, bedient worden, hatte deshalb keinen weißen Zettel vorzuweisen und er war wohl auch mit der Zettelwirtschaft in der Elektrischen noch nicht so recht vertraut. Indessen beäugte er den Gestiefelten interessiert von Kopf bis Fuß. Er hielt ihn wohl für das Musterexemplar einer besonders schneidigen Gattung der merkwürdigen deutschen Trachtenszene. – No Gamsbart?
„Ihran Fahrschei!“, blökte der vermeintliche Brauchtumspfleger hartnäckig. Der Ami fischte eine Zigarettenpackung aus seiner Jackentasche und bot dem einsilbigen Folkloreapostel, freundlich lächelnd, einen Glimmstängel an.
„Noiiii!“, lehnte der die Korruptionsattacke grantig ab, „Sia miaßet doch an Fahrschei han – an Faaahrscheeei!“
Dann eben nicht! Gelassen steckte sich der Soldat selbst eine Zigarette ins Gesicht, murmelte mit fragendem Blick den Folklorevereinsschlachtruf „Faschei?“ und stieg an der soeben erreichten Haltestelle aus.
„Dia sodded halt au a baar Brogga Deitsch lerna, bevor ma se auf oin los lässt“, beklagte sich der Stiefelträger, verließ ebenfalls den Zugwagen und kletterte in den Anhänger um auch dort seines verdrussgesegneten Amtes zu walten. Ich schaute ihm nach – und dann war es leider für mich zu spät, auch in den Anhänger umzu- steigen, denn ich hatte mit Entzücken festgestellt, dass dort schon wieder ein Ami auf dem Perron wartete. Aber die Straßenbahn war bereits voll in Fahrt. Zu gern hätte ich erlebt, wie das frustriert dreinblickende Dialektoriginal seinen neuerlichen Weißzettel- kandidaten bearbeitet. Den dann fälligen, neuen, grünen Fahrschein hätte ich für die Fortsetzung der Vergnügungsreise auf  jeden Fall gern investiert.

Bild u. Text: Gunter R. Schwäble