Zwischenzeit-Artikel

(aktualisiert am 22. Juni 2022)


Die Weihnachtsgans

Überraschender Besuch

Eine tolle Überraschung

Überraschung hoch zwei

Überraschung in der Fremde

Noch einmal gut gegangen

Alle Wetter!

Extra: Ein Reiher

Extra: Das Samenkorn

Extra: Die Schnecken


Die Weihnachtsgans

Es war etwa im Jahr 1947, in Heltau, einem kleinen Städtchen neben Hermannstadt, in Siebenbürgen. Es ging dem Winter zu. Diesmal sollte es zu Weinachten für unsere Familie ein besonderes Festessen geben und zwar Gänsebraten, nicht wie üblich Heltauer Bratwurst mit Sauerkraut. Und das kam so:
Meine Mutter schenkte der „Lele Ana“ (Mume Anna) einer alten Rumänin, aus einem nahen Bergdorf, die unsere Familie seit Jahren mit hölzernen Küchenutensilien, wie Holzlöffel, Schneidebrettern, geflochtenen Wäschekörben usw. versorgte, immer wieder Kinderkleider, aus denen wir herausgewachsen waren.
Die Alte bedankte sich immer überschwänglich und sagt bei ihrem letzten Besuch bevor sie ging: „Liebe Frau, vor Weihnachten bringe ich euch einen Gänserich“.
Und tatsächlich, Ende November erschien sie mit einem jungen, schneeweißen Gänserich. Stolz holte sie den großen Vogel aus ihrem Eissack und legte ihn auf den Küchenboden. Das arme Tier lag mit zusammengebunden Füßen und gestrecktem Hals in der Küche und krächzte gequält, während die Alte genussvoll einen Teller heiße Suppe schlürfte, den ihr meine Mutter gereicht hatte. Mit zwei Paar Kinderschuhen und einem Wintermantel im Sack, machte sie sich dann auf den Heimweg. Als sie gegangen war befreiten wir den Ganter von seinen Fußfesseln und trugen ihn in den Hühnerhof. Dort sorgte sein erscheinen unter dem Hühnervolk für helle Aufregung. Als er seine kräftigen Schwingen ausbreitete und den langen Hals reckte, den Schnabel aufriss und trompetenähnliche Töne von sich gab, flüchteten die Hühner erschreckt in die äußerste Ecke und scharten sich gackernd um den nicht minder erschrockenen Hahn. Dieser, als Hausherr, plusterte sich dennoch kampflustig auf und krähte herausfordernd. Als es dem Ganter besser ging, machte er sich über das Hühnerfutter her, nahm dann im Wassertrog ein ausgiebiges Bad und säuberte sein Gefieder. Bald aber steckte er den Kopf unter einen Flügel und schlief ein, ohne die aufgeregte Hühnerschar auch nur eines Blickes zu würdigen.
Nach ein paar Tagen hatten sich Hühner und Ganter aneinander gewöhnt. Nur der Hahn schien dem fremdartigen Eindringling nicht zu trauen. Immer wieder warf er ihm argwöhnische Blicke zu. Die Tage vergingen wie im Flug. Der Neuzugang im Hühnerhof fraß mit großem Appetit und wurde zusehends stattlicher.
Kurz vor Weihnachten, als der erste Schnee kam, wurde wie immer um diese Zeit unser Schwein geschlachtet. So wie es Sitte war, half die ganz Familie mit. Die Tanten waren in der Küche und die Onkels machten die Wurst. Unsere neugierige Emmitante bewunderte die schöne, weiße Gans im Hühnerhof.  Wir erzählten ihr, das sei unser heuriger Weihnachtsbraten. „Eigentlich schade um das schöne Tier“, meinte sie kopfschüttelnd. „Aber wenn es ein Ganter ist, bleibt euch wohl nichts anderes übrig, als ihn zu krageln“.
Wurst, Fleisch und Speck von dem geschlachteten Schwein, kamen zum Abtropfen in die sogenannte Speckkammer. Vater hängte ein riesiges  Vorhängeschloss an die Tür, denn es waren unruhige Zeiten. Viel lichtscheues Gesindel machte die Gegend unsicher. Nach dem anstrengenden Tag fielen alle todmüde ins Bett und schliefen bald ein. Es war etwas nach Mitternacht, als mein Vater durch das laute Trompeten des Gänserichs jäh aus dem Schlaf gerissen wurde. Schnell schlüpfte er in seine Pantoffeln und den Wintermantel und eilte in den Hof, gerade rechtzeitig um zwei dunkle Gestalten von der Speckkammer zu vertreiben, die versucht hatten mit Hilfe eines Beils die Türe aufzubrechen. Nur dem aufmerksamen Ganter hatten wir es zu verdanken, dass uns Wurst und Fleisch nicht gestohlen wurden. Am nächsten Morgen beim Frühstück, erklärte unsere Mutter feierlich: „Kinder, der Gänserich wird nicht geschlachtet. Zum Dank für seine Aufmerksamkeit wollen wir ihn an Stelle eines Wachhundes behalten. Hatten nicht schon anno dazumal die schreienden Gänse das Kapitol von Rom gerettet, als sie die Römer vor den anrückenden Feinden warnten“. Wir freuten uns alle, dass das schöne Tier am Leben bleiben durfte.
Am Weihnachtsabend aber, aßen wir so wie in den vorhergehenden Jahren, gebratene Wurst mit Sauerkraut. Diesmal schmeckte sie besonders gut.
Noch eine Überraschung bereitete uns unser Gänserich, und zwar, als er im Frühjahr sein erstes Ei legte und sich als Gans entpuppte.
Von da an hieß er nicht mehr Peter, sondern Petra.

Text: Walter Graef


Überraschender Besuch

Seit Tagen schon kündeten ferner Kanonendonner und feindliche Tiefflieger auch in dem Städtchen an der Ostalb den lang ersehnten Endsieg an. Und dann war es so weit: Eines nachts rückten die Endsieger in den Ort ein. Sie trugen – welche Über-raschung – amerikanische Uniform und sie verkündeten erst mal eine generelle Aus-gangssperre. Damit stellten sie sicher, dass auch jedermann zuhause war, wenn sie in den nächsten Stunden und Tagen vorbeischauten, um „Guten Tag“ zu sagen.

Alsbald donnerte es auch an unserer Haustür. Besuch aus Übersee kündigte sich an. Ein Kommando von vier Endsiegern begehrte Einlass, galt es doch, den „Laden“ aus drei Gründen unter die Lupe zu nehmen: Erstens suchten sie nach abgetauchten Angehörigen einer SS-Brigade, die sich eben noch im Ort herumgetrieben hatte. Zweitens sollten sie noch Unterkünfte für ihre zahlreichen Landsleute organisieren und, drittens, wollte man schauen, was sich Brauchbares findet. Die beiden Zimmer waren schnell inspiziert, und das Thema Quartierbeschaffung wurde auch einstimmig abgehakt, stellte man doch allenthalben fest, dass zwischen die Frau und die drei Kinder beim besten Willen kein Onkel aus Amerika passte. Außerdem fand sich im Ofen, hinter dem Ofen sowie in, unter und auf dem Kleiderschrank kein ausgedienter SS-ler. Blieb noch der Verdacht, dass im Schreibschrank einer von diesen Typen bessere Zeiten abwarten könnte.
„Klappe öffnen“, lautete der unmissverständliche Befehl. Aber wo war der Schlüssel? Der Verdacht erhärtete sich. Beherzt zückte einer der Besucher sein Bajonett und hebelte das Versteck krachend auf. Große Überraschung: Keine SS! Aber, da lag ein Corpus Delicti der allerhöchsten Gefahrenklasse – ein Fotoapparat der Marke „Leica“ mit Tragegurt. Der Bajonetthandwerker hängte sich das Schnappschussgerät dennoch sofort furchtlos um den Hals – Gefahr gebannt! Mutter bat darum, den Film entnehmen zu dürfen, da er die letzten Aufnahmen des vermissten Ehemannes enthalte. Angesichts der hochbrisanten Gefahrenlage konnte dem Antrag jedoch nicht stattgegeben werden. (Vermutlich hatte der Bursche nur keine Ahnung, wie die Kamera bedient wird, wollte sie aber auch nicht wieder aushändigen.)
Und dann rief auch schon wieder die Pflicht. Das Besuchskommando hatte noch die ganze Straße abzuklappern und musste deshalb die ohnehin wenig ertragreiche Wohnung verlassen, als der mit der Leica dekorierte Besucher in einer Schale auf der Anrichte drei runde Kapseln entdeckte. Wohl in der Annahme, es handle sich um Filme, grabschte er sich diese hocherfreut und wetzte zur Tür hinaus. Damit hatte er jedoch nur die Gefahr abgewendet, dass die gute Frau mit den drei Honigfliegen-fängern möglicherweise im Schwarzmarkt mitmischte. Die Überraschung des Ami als er die klebrigen Beutefilme in den Fotoapparat einlegen wollte, konnte man sich aber lebhaft vorstellen.

Text: Gunter R. Schwäble


Eine tolle Überraschung

An einem schönen Samstagmorgen war Karl mit seiner Mutter in der Stadt einkaufen. Als sie nach Hause gehen wollten. sah Karl ein großes, buntes Plakat. „Zirkus Kunterbunt“ stand in großen Buchstaben auf dem Plakat geschrieben. Karl blieb stehen und las seiner Mutter die Neuigkeit vor.
Da sind Artisten, Feuerspucker, Löwen und Tiger. Eintritt nur 2 €, sagte er zu seiner Mutter. Die Mutter gähnte und sagte: „Das ist ja billig!“, und schüttelte den Kopf. Karl war ganz aufgeregt, denn er war noch nie in seinem Leben im Zirkus gewesen. „Da ist ja schon morgen die letzte Vorstellung!“ rief er. „Darf ich dahin gehen?“ „Da fragst du am besten den Papa. Los komm jetzt. Ich will nach Hause“, sagte die Mutter.
Zuhause angekommen stürzte sich Karl gleich auf seinen Vater und erzählte ihm die Neuigkeit vom Zirkus. „Papi, bitte lass uns in den Zirkus gehen!“ „Da musst du erst die Mutter fragen!“, sagte sein Vater brummig.
„Aber die Mami hat gesagt, ich soll dich fragen!“, sagte Karl ratlos und stampfte wütend auf den Boden. Karls Vater sagte nur: „Nein, wir gehen nicht in den Zirkus!“ Da rannte Karl heulend in sein Zimmer. Er wusste einfach nicht warum er nicht in den Zirkus gehen durfte.
Am Nachmittag ging er traurig durch die Stadt und blieb vor dem Plakat mit der Zirkusreklame stehen. Da wurde er noch trauriger und ging schnell weiter. Er irrte ziellos durch die Straßen und stand auf einmal vor einem kleinen alten Haus. An einen der Fenster hing ein kleiner Zettel und da Karl neugierig war, las er ihn. „Wollt ihr in unserer Bande mitmachen? Dann kommt herein!“, stand auf dem Zettel.
Karl war das Ganze etwas unheimlich, doch seine Neugier siegte und so öffnete er die Tür. Sie quietschte lautstark, sodass er eine Gänsehaut bekam. Vorsichtig trat er ein und sah sich unverhofft fünf Jungen gegenüber, die alle so um die zwölf Jahre alt sein mussten. Einer der Jungen ging auf ihn zu und fragte: „Na Kleiner. Du hast dich bestimmt in der Tür geirrt, hier nimm mal eine!“ Bei diesen Worten hielt er ihm eine Zigarette unter die Nase. Karl fragte: „Was ist denn das?“
Da lachte die ganze Bande und einer sagte: „Habt ihr das gehört, der Kleine hier weiß noch nicht mal was eine Kippe ist!“ Das reichte Karl. Er rannte so schnell er konnte aus dem Haus und erst an der nächsten Straßenecke ging er langsam weiter.
Er ging am Kino Störtebeker und an der Backstube Sebeling vorbei, die wie eine Brezel aussah. Gerade wollte er an dem Süßigkeiten-Geschäft vorbeigehen, als er ein Plakat entdeckte, das an der Ladentüre hing.
Das Plakat war nicht sehr groß und ganz gelb. Die Buchstaben selbst waren schwarz und mit einem Computer gedruckt. Karl las sich selbst das Plakat laut vor: „Wollt ihr eine treue Clique, die euch aus allen Patschen hilft und eure Probleme löst, dann kommt zur Garfield-Gruppe an der Mozartecke 9. Bis dann!“
Karl fand, dass sich das gut anhörte, aber er wusste nicht wo die Mozartecke 9 zu finden war. Deshalb ging er in das Geschäft und fragte den Verkäufer nach dem Weg. Der erklärte es ihm und so fand er schnell den Weg dorthin.
Er stand vor einem Großen Haus mit vier Stockwerken. An der Tür waren viele Klingelknöpfe mit Namensschildchen und Karl las sie alle. Erst als er den Namen Garfield las, hatte er die richtige Schelle gefunden. Denn dieser stand in ganz kleinen Buchstaben auf dem Schild. Karl schellte und schon nach kurzer Zeit summte der Türöffner. Eine Treppe höher öffnete sich eine Wohnungstür und vor ihm stand Benjamin Miller, den er aus der Schule kannte.
„Komm doch rein“, sagte Benjamin. Karl folgte ihm in sein Zimmer, wo noch drei andere Jungen saßen, die er auch aus der Schule kannte. Er erzählte ihnen nun die ganze Geschichte vom Zirkus. Alle hörten ihm aufmerksam zu und als er fertig war, schwieg die Garfield-Gruppe eine Weile.
Martin, ein Junge der in Karls Klasse ging, sagte endlich: „Karl, mach dir keine Sorgen. Ich glaube wir können dir helfen. Am besten gehst du jetzt nach Hause und wir kümmern uns um den Fall!“ „Wirklich, ihr helft mir, dass ich morgen in den Zirkus gehen kann?“, rief Karl ungläubig. „Großes Garfield-Ehrenwort“, sagte Martin. „Danke!“, sagte Karl und ging fröhlich pfeifend nach Hause.
Kaum war er aus der Tür, erzählte Martin den anderen etwas, was diese nicht wissen konnten. Wohl aber Martin, der ja in Karls Klasse ging. Als er fertig war mussten alle lachen, denn so etwas hatten sie noch nie erlebt und würden sie auch nie wieder erleben. Da waren sich alle einig. Aber um ganz sicher zu gehen, rief Martin Karls Mutter an. Diese war sehr erstaunt und musste ebenfalls lachen. „Das wird ja eine tolle Überraschung für Karl.“, sagte Karls Mutter am Telefon zu Martin, der vor lauter Lachen den Tränen nahe war.
Als Karl nach Hause kam erzählte er nichts von seinen Erlebnissen in der Stadt und die Mutter auch nichts von Martins Anruf. Zufrieden ging Karl früh ins Bett und war auch bald eingeschlafen. Am Sonntagmorgen wachte er um kurz vor acht Uhr auf und ging verschlafen in die Küche. Er hatte nämlich großen Hunger. Dort traute er seinen Augen nicht, denn auf dem Küchentisch stand ein Kuchen, auf dem zehn Kerzen brannten. Daneben ein großes Geschenk und davor ein Briefumschlag mit seinem Namen drauf. Schnell machte er den Umschlag auf – und da war sie, die Eintrittskarte für den Zirkus. „Jetzt weißt du sicher, warum wir gestern gesagt haben, dass wir nicht mit dir in den Zirkus gehen“ sagte Karls Vater. „Dann wäre es nämlich keine Überraschung mehr gewesen. Und die ist uns ja super gelungen, weil du ja deinen Geburtstag vergessen hast!“, lachte die Mutter.

Text: Rolf Hohmeier


Überraschung hoch zwei
Landpartie(n)

Schertelshöhle

Drei Mal im letzten Sommer hatten sich die beiden Leutchen aufgeschwungen, Haus und Hof und Garten und sonstige Verpflichtungen beiseite zu lassen und sich auf eine Wanderung zu begeben. Es sollte einmal nicht an die üblichen Ziele auf der Alb gehen, sondern an Plätze, die in einem neuen Bildband geschildert waren.
So machten sie sich also an einem schönen Morgen auf, den Hohenstaufen zu erklimmen, denn sie waren gute Schwaben und wussten, dass einstens dieses Geschlecht eine wichtige Rolle in der Geschichte gespielt hatte. Der Aufstieg erwies sich als mühsam, was ganz klar der Topografie geschuldet war, denn die 684 Höhenmeter sieht man dem Berg ja schon von weitem an.
Oben besichtigten sie die Reste der einst sicher gewaltigen Burg – sic transit gloria mundi. Doch die Aussicht entschädigte sie sowohl für die Anstrengung als auch für die tristen Gedanken. Und sie staunten, dass sie das Auf und Ab so gut gemeistert hatten.
Die nächste Wanderung fand zwei Wochen später statt, sie sollte der Erkundung des Lauereckfelsens dienen (zwischen Grabenstetten und Hülben). Im erwähnten Bildband wurde schon gewarnt, der Felsen sei schlecht zu finden. Doch nach einer sich lang hinziehenden Wanderung durch ein schönes Waldgebiet war plötzlich – Überraschung! – ein Schild mit dem gesuchten Namen zu sehen. Die Frau lehnte kategorisch ab, den steilen Pfad nach oben zu erklimmen – Fels hin oder her; der Mann versuchte es, kam aber auch bald wieder zurück, es war ihm auch zu mühsam und sie freuten sich, bald wieder in ihrem „Autole“ sitzen zu dürfen.
Das Wandern ließen sie nicht sein, denn eine Woche später kam Besuch aus Dänemark, die Nichte mit Mann und zwei Mädchen, denen der Besuch einer Höhle schmackhaft gemacht worden war. Also war das Ziel die Schertelshöhle. Auf der Landkarte sah die Strecke vom Parkplatz Bahnhöfle aus gar nicht so weit aus, aber auch hier holte die Wirklichkeit sie ein. Die Überraschungen begannen unterwegs, als nach schönen Wegstrecken plötzlich schluchtartig ausgewaschene steile Wegstücke bewältigt werden mussten, erst steil nach oben, später halsbrecherisch abwärts, und das mit einem vor einer Woche lädierten Knie! Und die Strecke war natürlich – wieder Überraschung! – viel länger als gedacht. Aber der Besuch der Höhle war bei den beiden Mädchen ein voller Erfolg (nur kalt sei es gewesen). Total erschöpft kamen die „Alten“ am Auto an, während die acht- und dreizehnjährigen Mädchen die lange Wanderung klaglos hinter sich gebracht hatten und danach noch unbedingt zum Reußenstein wollten.

Überraschung in der Fremde

Les Invalides

In meinen jungen Jahren wollte ich unbedingt ins Ausland, möglichst nach Frankreich, denn ich wollte nicht nur meinem Freiheitsdrang nachgeben, sondern auf diese Weise die französische Sprache, die ich auf dem Gymnasium zugunsten der klassischen Sprachen abgewählt hatte, lernen. So kam ich als Au-pair in eine gut bürgerliche französische Pariser Familie mit vier teils schon erwachsenen Kindern, nicht weit vom Invalidendom gelegen. Natürlich ist eine Reise in ein fremdes Land zu fremden Menschen an sich schon gespickt mit Überraschungen, aber als junger Mensch findet man das erst mal eher aufregend und spannend. So war es z.B. bei meiner Ankunft auf dem Gare de l’Est. Vereinbart war, dass ich von einer der Töchter, die einigermaßen deutsch sprach, abgeholt werden sollte, als Erkennungszeichen trug ich eine Zeitung im linken Arm und sie, glaube ich mich zu erinnern, auch. Jedenfalls erkannten wir uns – sie war in Begleitung ihrer älteren Schwester gekommen – und ich durfte in ihr Auto, eine Dauphine, einsteigen. Los ging’s im Pariser Verkehr, und ich stand Todesängste aus! So etwas hatte ich noch nie erlebt!  Mehrspuriger Autoverkehr, überholt wurde links und rechts, jeder fuhr so schnell wie er konnte. Aber wir kamen heil an und ich hatte eine recht gute Zeit dort – nicht zu viel Arbeit, aber auch nicht viel Freizeit. Morgens Hausarbeit, nachmittags Unterricht in der Alliance Francaise, der Schule für die Ausländer. Das Haus, ein ziemlich eindrucksvolles Gebäude mit fünf Stockwerken, war aufgeteilt in Eigentumswohnungen („meine“ Familie wohnte im 5.Stock), und zu jeder dieser Wohnungen gehörte auf dem 6. Stock ein Dienstbotenzimmer. Meine Dachkammer hatte zwar ein Waschbecken, aber keine Heizung, und die Toilette befand sich auf dem Gang. Wie ich merkte, war ich privilegiert, denn auf demselben Stock wohnten zwei französische Familien mit Kindern, und die hatten weder Küche noch Bad noch eigene Toilette, sondern hausten in den Dienstbotenzimmern und mussten das Wasser auf dem Gang holen. Die Frauen arbeiteten als „bonne“ in den unteren vornehmen Wohnungen. Ob jemand im Zimmer neben mir wohnte, wusste ich nicht. Es gab eine Concierge, die das Treppenhaus putzte und die Post verteilte und überhaupt über alles im Haus Bescheid wusste.
Eines Tages erhielt ich einen Brief meiner Mutter, in dem stand, dass die Tochter eines Bundesbruders meines Vaters auch in Paris sei. Sie schrieb mir auch die Adresse auf – erst fiel mir nichts auf, aber dann stutzte ich: das war doch meine eigene Adresse! Hatte sich meine Mutter vertan?  Da meine Mutter aber bestätigte, dass die Adresse stimme, fragte ich schließlich die Concierge, ob tatsächlich eine Mademoiselle Braun in diesem Hause wohne. Die Concierge grinste mich an und sagte: Im Zimmer neben Ihnen, Mademoiselle! Ich fiel aus allen Wolken, schob aber dann einen Zettel unter der Türe durch (offenbar war die Bewohnerin selten anwesend) mit meinem Namen und Herkunft. Auf diese Weise lernten wir uns kennen, nachdem wir schon monatelang Tür an Tür gewohnt hatten. Überraschenderweise war sie ebenfalls Buchhändlerin und hatte sogar einen Job, in der Buchhandlung Picard, einer Buchhandlung mit fast ausschließlich deutschen Büchern, im Besitz eines ehemaligen deutschen (jüdischen) Verlagsvertreters. Wir freundeten uns an, aber wie alle diese Freundschaften im schnelllebigen Paris, war sie nicht von Dauer.

Text: Toni Sauer


Noch einmal gut gegangen

Angeregt durch den ZwischenZeit-Artikel vom 18. Februar, der mich stark an meine Erlebnisse aus derselben Zeit, die ja wahrlich nicht arm an Überraschungen war, erinnert hat, möchte ich dazu auch noch einen kleinen Beitrag leisten. Ort des Geschehens: Eisenberg in Thüringen, Kleinstadt ähnlich Kirchheim, gelegen zwischen Jena und Gera, Zeitpunkt: 14. April 1945, Einmarsch der US-Streitkräfte. Anwesende Personen: meine Mutter, mein Bruder, Jahrgang 1929, ich, Jahrgang 1934. Außerdem Verwandte, denen das Haus am Stadtrand gehörte, in dem sie uns, die wir sechs Wochen vorher vor der Ostfront aus Schlesien geflohen waren, Unterschlupf gewährt hatten. Überraschung eins: Mein Bruder durfte Schlesien verlassen, obwohl er mit knapp 16 Jahren schon fast Volkssturmalter erreicht hatte. Daher waren wir nicht so sehr überrascht, als er in Eisenberg dann doch noch einrücken musste. Dafür Überraschung zwei: Ein menschlich gebliebener Wehrmachtsoffizier schickte die Jungen nach Hause, bevor es zu Feindberührungen kam, allerdings mit der Auflage, sich bei Einmarsch der feindlichen Truppen möglichst nicht auf der Straße sehen zu lassen.
Nun zu Überraschung drei: Nachdem die Bevölkerung durch ein fünfminütiges Heulen der Luftschutzsirenen (genannt „Feindalarm“) vom Herannahen der Amis in Kenntnis gesetzt worden war, herrschte lähmende Stille im Ort, bis es im Laufe des Nachmittags an der Haustür klingelte. Die Hausherrin öffnete: Ein amerikanischer Offizier und zwei Soldaten baten höflich um Einlass und um einen Platz, wo sie in den mitgebrachten Feldbetten übernachten könnten. So wurde das Esszimmer ausgeräumt, die Feldbetten aufgestellt, die Soldaten gingen in die Küche und kochten Kaffee (echten Bohnenkaffee!) für die ganze Hausgemeinschaft, man setzte sich zusammen, einige der Anwesenden kratzten ihr Schulenglisch zusammen, die GIs kramten Fotos von ihren Angehörigen heraus; kurz, es wurde ein angeregter und durchaus friedlicher Abend, bis man, jeder in seinem Zimmer verschwindend, sich zur Ruhe begab. Auch mein Bruder hatte sich blicken lassen, mit seinem eher kindlichen Aussehen hätte er nie den Verdacht erweckt, kurz vorher noch als Volkssturmmann im Einsatz gewesen zu sein. Am anderen Morgen gab es wiederum Kaffee für alle, und dann machten sich die Sieger auf den Weg, in der Hoffnung, auch am nächsten Abend wieder eine sympathische Bleibe zu finden.
Und nun kommt Überraschung Nummer vier, und die hat’s in sich: Unsere Hausbesitzer-Verwandten hatten bei Herannahen der Front alles darangesetzt, das Haus von aller Art Hinweisen auf die NS-Vergangenheit (und das waren wahrlich nicht wenige) zu säubern, was ihnen im Prinzip auch gelungen war. So war es denn eine echte Überraschung, als die Besitzerin per Zufall das Büffet öffnete, das im Esszimmer stand, wo die gemütliche Abendrunde stattgefunden hatte, einen schrillen Schrei ausstieß und eine Pistole mit jeder Menge dazugehöriger Munition zu Tage förderte. Vor lauter Hitlerbild-Zerstörung hatte sie an sowas nicht gedacht. Was wäre geschehen, wenn … usw. Keiner wagte daran zu denken, nur, wie kriegte man das Teufelszeug weg? Ja, da gab’s dann noch mal `ne Überraschung: Meine Großmutter, eine Dame von über 70, die auch schon eine schlimme Flucht hinter sich hatte, bot sich an, das Ding zu „entsorgen“. Sie packte einfach alles in ihre voluminöse Handtasche, spazierte zu einem nicht weit entfernt liegenden Teich, und einen unbeobachteten Augenblick später war das Problem gelöst. Wie sich später beim Ablassen des Teiches herausstellte, war sie durchaus nicht die einzige gewesen.
Damit soll nun keineswegs gesagt sein, dass die Serie der Überraschungen zu Ende gewesen wäre, nur, der ein paar Monate später stattfindende Besatzungswechsel (Thüringen und Sachsen-Anhalt gingen am 1. Juli 1945 im Austausch gegen Westberlin an die Russen…) brachte es mit sich, dass uns so leicht nichts mehr überraschen konnte.

Text: Gottfried Sauer


Alle Wetter!

Wer wurde nicht schon einmal vom Wetter überrascht? Von einem plötzlichen Regenguss zum Beispiel – und hatte weder Anorak noch Schirm dabei! Oder das Gewitter war schneller da, als vorhergesagt! Heute gerade nicht vorher auf die Warn-App geschaut?!
Wanderer aber wissen, dass sie unterwegs immer mal wieder in den Himmel gucken sollten, was sich da so tut. Schäfchenwolken, Haufenwolken, Cirrus oder Amboss … strahlende Sonne oder matte Scheibe zeigen an, ob sich das Wetter – allmählich oder rasant – ändern wird oder bleibt wie’s ist. Über diese häufig zu sehenden „himmlischen Erscheinungen“ hinaus gibt es plötzlich auftretende unglaubliche Phänomene zu beobachten.
So gehört zu meinen frühesten Erinnerungen dieses Ereignis. An einem Sommertag (1949?) stand ich neben unserem kleinen Garten, „das Beet“ genannt, und schaute über den Holzplatz hinweg in die Felder. Meine Großmutter kam gerade vom Füttern des Schweins zurück. „Oma. Oma, die Sonne kommt runter!“ rief ich aufgeregt. Ruhig sagte sie mir: „Nein, nein, Kindchen. Das ist ein Kugelblitz! Weit weg, da tut er uns nichts.“ Und schon war das runde, hellgelb leuchtende Ding auch schon verschwunden. Ohne Donnergrollen!  Später am Abend erzählte Oma dann der versammelten Familie, dass Kugelblitze durch die Stube schweben oder rollen können, ohne Schaden anzurichten, einfach verschwinden oder nach Berührung von Gegenständen aufsteigen und zerplatzen. Also sollte immer irgendwo ein Fenster offenstehen. – Einige Zeit danach erzählte ihr der Dorfarzt bei seinem Hausbesuch, dass auf einer Fahrt übers Land ein Kugelblitz auf dem Dach seines grauen VW-Käfers gelandet war; er war sehr erstaunt darüber, dass nichts weiter passierte.
Und ich bin überzeugt davon, im August 1974 meinen zweiten Kugelblitz gesehen zu haben. Es geschah am Vorabend meiner Rückreise aus Maishofen im Salzkammergut, wo ich zwei Wochen Urlaub gemacht hatte. Die Stromleitung unterhalb der Pension wurde zweimal vom Blitz getroffen. Der erste Blitzstrahl berührte nur die mittlere Mastspitze, stieg geballt als etwas hell Gelbes auf und explodierte „sprühend wie eine Rakete“, gerade als ich noch allein im Gastraum vorm Fenster stand. Kurz darauf beim gemeinsamen Abendessen, war dann das schwere und lange anhaltende Gewitter da! Und als der zweite Blitz direkt in die Leitung schlug, krachte der Donner und klöterten nussgroße Hagelkörner aufs Blechdach. Da wurde mir „ganz bang! Und Bastian, der kleine Holländer, war so fasziniert vom „Bumm-Bumm“, dass er darüber das Essen vergaß“; so steht‘s in meinen Reisenotizen.
Das Rätsel um die Kugelblitze wurde im Sommer 2012 endgültig gelöst. *Der chinesische Physiker Ping Yuan von der Universität Lanzhou hielt mit einigen Kollegen auf einem Hochplateau während eines Gewitters Ausschau nach Blitzeinschlägen. Mit einer Hochgeschwindigkeits- und einer Videokamera filmte die Gruppe dabei zufällig einen Kugelblitz. Dieser war über ein Meter groß und legte in 1,6 Sekunden rund 15 Meter zurück, wobei sich seine Farbe von lila über orange und weiß nach rot änderte. Der Kamera-Spektrograph zerlegte das empfangene Licht in seine Farbbestandteile und machte die Spektrallinie sichtbar. Mit der Signatur von Silizium, Eisen und Kalzium, die Elemente, die reichlich im Boden vorkommen. Damit ist die Hypothese der Neuseeländer Abrahamson und Dinnis bewiesen, dass Kugelblitze aus einem Gespinst von Nanoteilchen dieser Elemente bestehen.
Wie sich daraus Blitze zu Kugeln formen können und unter welchen Umständen, werde ich niemals begreifen. Nur immer wieder in den Himmel gucken und das Geschehen bestaunen: allemal!

*Kugelblitze … https://weather.com/de

Text: Sabine Wenzel
Bild: Gudrun Roßmann „Aufbruch“



Ein  Reiher

Schaut! Ein Reiher, ach,
steht in der Lindach,
ganz still und starr, allein
forschend auf einem Bein,
ob nicht mit rauschender Welle
schwimmt daher `ne Forelle –
„en nature“ und schnabelgerecht –
wirklich toll wäre das, echt!

Text und Foto: Sabine Wenzel


Das Samenkorn

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
die Amsel wollte es zerpicken.
Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.
Das Korn, das auf der Erde lag,
das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.
Jetzt ist es schon ein hoher Baum
und trägt ein Nest aus weichem Flaum.
Die Amsel hat das Nest erbaut;
dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

Joachim Ringelnatz


Die Schnecken

Rötlich dämmert es im Westen,
Und der laute Tag verklingt,
Nur dass auf den höchsten Ästen
Lieblich noch die Drossel singt.

Jetzt in dichtbelaubten Hecken,
Wo es still verborgen blieb,
Rüstet sich das Volk der Schnecken
Für den nächtlichen Betrieb.

Tastend streckt sich ihr Gehörne.
Schwach nur ist das Augenlicht.
Dennoch schon aus weiter Ferne
Wittern sie ihr Leibgericht.

Schleimig, säumig, aber stete,
Immer auf dem nächsten Pfad,
Finden sie die Gartenbeete
Mit dem schönsten Kopfsalat.

Hier vereint zu ernsten Dingen
Bis zum Morgensonnenschein,
Nagen sie geheim und dringen
Tief ins grüne Herz hinein.

Wilhelm Busch