Zwischenzeit-Artikel

(aktualisiert am 25. November 2020)


Editorial

Ein Amerikaner in der „Elektrischen”

Die Felszeichnungen und das Elchmuseum von Glösa

Durch Paris auf den Spuren des „Bauchs“

Mit dem Finger auf der Landkarte

Irland   –  eine Reise auf die grüne Insel

Unterwegs mit der S-Bahn

Auf  Wanderwegen

Extra 8: Die spanische Grippe

Extra 9: Farbenspiele

Extra 10: Die Schubartin

Extra 11: Herbstzeit


 

R e i s e n . Editorial.

Ein Amerikaner in der „Elektrischen“ :
Schwäbisch-amerikanische Verständigungsschwierigkeiten bei einer Fahrscheinkontrolle in der alten Ulmer Straßenbahn der Nachkriegszeit.

Die Felszeichnungen und das Elchmuseum von Glösa :
Ein Reiseerlebnis in Schweden, das den Besuchern  Lebenswelt und Kultur der steinzeitlichen Jäger vor etwa 6000 Jahren bildhaft vor Augen führte.

Durch Paris auf den Spuren des „Bauchs“:
Im Buch schildert  2015 der „Bauch“, Starkoch Vincent Klink, seine Spaziergänge und kulinarischen Erlebnisse in den Pariser Restaurants und Cafés.  Von Letzteren konnte das Au-pair-Mädchen damals 1960 nur träumen.

Mit dem Finger auf der Landkarte:
Diese Art zu reisen ist bei Fernwehattacken sehr zu empfehlen und kann jederzeit wohin auch immer kostenlos und umweltschonend unternommen werden.

Irland   –  eine Reise auf die grüne Insel :
Eine Rundreise im Bus durch Irlands Süden zu historischen Sehenswürdigkeiten und eindrucksvollen Naturlandschaften  mit Berücksichtigung der Whiskey-Herstellung.

Unterwegs mit der S-Bahn:
Die S-Bahn vor Ort ist ein unentbehrliches öffentliches Verkehrsmittel im Halbstundentakt und im Normalfall verlässlich. Aber es gibt auch Tage, wie diesen im August 18.

Gesponserte Ofenschlupfer:
Reisen ohne Einkehr geht gar nicht. Aber ob die heimische Regionalküche so „originell“, wie es im Spitzensport ja üblich ist, beworben werden sollte, ist fraglich.

Für die ZwischenZeit-Redaktion: Sabine Wenzel


 

Ein Amerikaner in der „Elektrischen“

Die Verständigungsprobleme der Fahrscheinkontrolleure löste man in Ulm im Verlauf von Jahrzehnten dadurch, indem man die Straßenbahn und die Amis aus dem Verkehr zog.

Es gab einmal eine Zeit, kurz nach dem Krieg, in der sich das „Reisen“ strikt auf lokale Ziele beschränkte. Und die „Reise“ von einem Stadtende zum anderen war trotzdem voll von Eindrücken, Merkwürdigkeiten und Überraschungen. In Ulm rumpelte die Straßenbahn, die „Elektrische“, wie sie die Alt-Ulmer nannten, nach Kriegsende relativ schnell wieder durch die sich ständig ändernde Ruinenkulisse. Ich „reiste“ auf dem „Perron“ des Vehikels, der Einstiegsplattform mit einer Schiebetür, durch die man ins Innere des Wagens mit den Holzsitzbänken gelangte. Zur Möblie- rung der Karre gehörten auch jede Menge Lederschlaufen, die von der Decke baumelten, und die Stehplatzinhaber waren gut beraten, sich daran festzuhalten, denn die Karosserie schaukelte fürchterlich. Nur durch ständige Gewichtsverlagerung blieb man in der Senkrechten, was zu pausenlosem Hüftkreisen führte. Als ich zustieg, stand schon ein junger, amerikanischer Besatzungssoldat auf dem Perron, der auch keine Lust hatte, sich am Zwangsbauchtanz, da drinnen, zu beteiligen.
Die amerikanischen Soldaten konnten die Straßenbahn kostenlos benützen, mussten aber trotzdem im Besitz eines weißen Fahrscheins sein – warum auch immer.  Dennoch waren Amis in der Straßenbahn eher selten anzutreffen, denn sie hatten ihren eigenen Busshuttle zu den teilweise weit außerhalb liegenden Kasernen. Nun gut, mein Umsteigefahrschein war kostenpflichtig und grün.
Nach zwei Haltstellen wurde die Schiebetür vom Innenraum her aufgeknallt, ein Kon-trolleur erschien auf der Schwelle, gab ein paar Takte seines Raucherhustens zum Besten und dröhnte: „Fahrscheikontroll!“
Der Respekt wäre dem Nahverkehrsfeldwebel auch bei einem weniger lautstarken Auftritt sicher gewesen, denn seine Dienstmütze, die graue Uniform mit Breeches-hose und die kniehohen Schaftstiefel verliehen ihm eine damals noch „natürliche“ Autorität.
Artig zeigte ich meinen grünen Zettel vor, den der Schwarzfahrerjäger wie eine Kino-karte per Einreißen entwertete. Dann wandte er sich dem an der Wand lehnenden „GI“ zu: „Ihran Fahrschei, bitte!“ Offensichtlich war aber der Ami noch nicht vom Reiseleiter, „Schaffner“ genannt, bedient worden, hatte deshalb keinen weißen Zettel vorzuweisen und er war wohl auch mit der Zettelwirtschaft in der Elektrischen noch nicht so recht vertraut. Indessen beäugte er den Gestiefelten interessiert von Kopf bis Fuß. Er hielt ihn wohl für das Musterexemplar einer besonders schneidigen Gattung der merkwürdigen deutschen Trachtenszene. – No Gamsbart?
„Ihran Fahrschei!“, blökte der vermeintliche Brauchtumspfleger hartnäckig. Der Ami fischte eine Zigarettenpackung aus seiner Jackentasche und bot dem einsilbigen Folkloreapostel, freundlich lächelnd, einen Glimmstängel an.
„Noiiii!“, lehnte der die Korruptionsattacke grantig ab, „Sia miaßet doch an Fahrschei han – an Faaahrscheeei!“
Dann eben nicht! Gelassen steckte sich der Soldat selbst eine Zigarette ins Gesicht, murmelte mit fragendem Blick den Folklorevereinsschlachtruf „Faschei?“ und stieg an der soeben erreichten Haltestelle aus.
„Dia sodded halt au a baar Brogga Deitsch lerna, bevor ma se auf oin los lässt“, beklagte sich der Stiefelträger, verließ ebenfalls den Zugwagen und kletterte in den Anhänger um auch dort seines verdrussgesegneten Amtes zu walten. Ich schaute ihm nach – und dann war es leider für mich zu spät, auch in den Anhänger umzu- steigen, denn ich hatte mit Entzücken festgestellt, dass dort schon wieder ein Ami auf dem Perron wartete. Aber die Straßenbahn war bereits voll in Fahrt. Zu gern hätte ich erlebt, wie das frustriert dreinblickende Dialektoriginal seinen neuerlichen Weißzettel- kandidaten bearbeitet. Den dann fälligen, neuen, grünen Fahrschein hätte ich für die Fortsetzung der Vergnügungsreise auf  jeden Fall gern investiert.

Bild u. Text: Gunter R. Schwäble


 

Die Felszeichnungen und das Elchmuseum von Gösa, (sprich Glöscha)

(Ein Ausschnitt aus unseren Reiseerlebnissen in Schweden.)
Im nördlichen Schweden, das heißt im Süden Lapplands in der Nähe von Östersund, der Hauptstadt des Jämtlandes, liegt die typisch schwedische Ortschaft Glösa am Ufer eines malerischen Sees. Im Nordwesten des Ortes beginnt ein Pfad der uns zum Elchmuseum Glöshalle und den etwa 6000 Jahre alten Felszeichnungen von Glösa führt. Über eine feuchte Wiese gelangen wir zum Platz des Elchclans, auf dem ein scheunenartiges Bauwerk steht. Schon aus einiger Entfernung vernehmen wir eine archaisch anmutende Musik, deren Rhythmus von Zeit zu Zeit von unartikulierten Schreien, etwa dem lockenden Ruf der Elchkuh oder dem Blöken des Elchkalbes unterbrochen wird. Vor dem Gebäude steht ein spitzwinkliges Stangengerüst, von einem getrockneten Elchschädel mit großen Schaufeln gekrönt. An den Stangen hängen viele Elchläufe, die, wie wir später erfahren, den Elch nach seiner Auferstehung auf der Suche nach seinen Läufen, an den Ort des Elchclans zurückführen sollten.
In der Eingangstüre zur Glöshalle begrüßt uns der Museumsleiter, ein älterer Herr der auch etwas Deutsch spricht. Er führt uns durch die Ausstellung, erläutert die Exponate und erzählt von der Bedeutung der Elche für die Steinzeitjäger.
Vor etwa 9000 Jahren schmolz das Eis in Jämtland und machte für Flechten und Moose Platz. Später wuchsen Gräser und Zwergbirken, gewöhnliche Birken, Espen und Kiefern. Nun konnte sich auch die Fauna ausbreiten. Es kamen kleine Nager, dann Hasen, Biber, Birkhühner, Schneehühner und Auerwild, aber auch vor allem Elche. In Flüssen und Seen verbreiteten sich Schnecken, Muscheln, Frösche und Fische. Auch für den Menschen gab es nun zu essen.
Man weiß, dass die ersten Steinzeitmenschen vor etwa 8600 Jahren nach Jämtland kamen. Familien mit Mutter, Vater, zwei bis drei Kindern und einige ältere Verwandte, siedelten in einer Seebucht oder an einem Flusslauf. Sie ernährten sich von Fischen, gesammelten Beeren, Kleinwild und vor allem von Elchen. Die vielen Elchknochen, die an den Niederlassungen der Jäger gefunden wurden, weisen darauf hin. Die Elche gaben den Menschen außer Fleisch, das zu Pemmikan (Trockenfleisch) verarbeitete wurde, auch Leder für: Kleidung, Schuhwerk, Hütten, Taschen, Rucksäcke, Riemen, Schlafmatten und Kanus. Felle: für Kleidung, Teppiche, Schuhe, Decken. Horn für: Äxte, Hacken und Schmuck. Knochen für: Lederkratzer, Schaber, Keile, Speer- und Pfeilspitzen, kleine Werkzeuge, Angelhaken, Nähnadeln, Musikinstrumente und Schmuck.
Die Familien wohnten nahe beieinander. Man half sich bei der Jagd und sonstigen Verrichtungen. Jedes Jahr trafen sich mehrere Familiengruppen zu größeren Versammlungen. Sie tauschten Waren und Neuigkeiten. Hier suchten Männer ihre Frauen und umgekehrt. Bei diesen Treffen verehrten die Menschen geistige Wesen. An dem Platz wo man die 45 Elche der Felszeichnungen von Glösa auch heute noch sehen kann, lag wahrscheinlich  auch so ein Versammlungsort.

Rätsche aus Elchknochen

Das Elchmuseum verfügt über verschiedene archäologische Funde, aber auch über Rekonstruktionen von Werkzeugen und Musikinstrumenten, wie z.B. Trompeten aus Elchknochen, Rasseln aus Elchhufen, Ratschen aus dem gekerbten Schulterblatt des Elches, Flöten aus hohlen Elchknochen und Brummtöpfe aus Birkenholz mit Elchriemen. Die Musik, die wir hörten als wir uns der Glöshalle näherten, wurde von Interessierten in Zusammenarbeit mit Forschern und Studenten für solche Instrumente komponiert, gespielt und  aufgenommen.
Die Glöshalle mit ihrer Musik, ihren Gerüchen nach Leder, Talg, Fisch, Rauch und Harz mit ihren interessanten  Ausstellungsstücken, vermittelt auf meisterhafte Art, tiefe Eindrücke vom Leben und der Vorstellungswelt der Steinzeitjäger. An der Decke über allem schwebt der Schamane der den Menschen durch Gesänge, Trommelschlag und Gebete half, wenn Hunger, Dunkelheit, Kälte und Krankheiten, das Leben schwer machten.
Die vielen Orte mit Felsbildern beweisen, dass die Elchjäger im ganzen Norrland (Nordschweden) siedelten. Ihre Heimstätten lagen vor allem an kleineren Seen und Flussläufen an windgeschützten Stellen.
Der Besuch bei den Felszeichnungen und im Elchmuseum von Glösa war für uns sehr lehrreich und führte uns bildhaft vor Augen, wie erfinderisch der Mensch schon in der Steinzeit war und wie es ihm gelungen ist mit einfachsten Mitteln, der recht lebensfeindlichen Natur Nordschwedens zu trotzen.

Text: Walter Graef


 

Durch Paris auf den Spuren des „Bauchs“.

Starkoch versus (ehemaliges) Au-pair-Mädchen

In seinem Buch „Ein Bauch spaziert durch Paris“ (Rowohlt, 2015) schreibt Vincent Klink – Inhaber eines Michelin-Sterns in seinem Restaurant „Wielandshöhe“ – über seine vielen Reisen nach und zahlreichen Spaziergänge durch Paris, die er mal allein, mal mit Frau, Tochter und Sohn absolviert. Wobei der Ausdruck Spazier“gänge“ nur teilweise stimmt, denn er hat sich ein faltbares Elektrofahrrad zugelegt und hat anscheinend bis jetzt den Pariser Verkehr unbeschadet überlebt.
            Ja, ja, Paris zu Fuß, das kenne ich auch. Bald nach meiner Ankunft im Jahr 1960 nahm
            ich mir anhand des Stadtplans Stück um Stück der Innenstadt vor („meine“ Familie
            wohnte zum Glück sehr zentral, im 7. Arrondissement), wenn möglich zu Fuß; an
            Fahrräder dachte damals kein Mensch, bei dem mörderischen Autoverkehr –
            Stoßstange an Stoßstange – wäre das auch lebensgefährlich gewesen. Und heute?
            Kann ich nicht beurteilen.
Natürlich gilt sein Hauptinteresse der Kulinarik, doch haben es ihm auch die Sichtachsen, die Napoleon III. und dem Baron Haussmann zu  verdanken sind, und die schönen Plätze angetan, die Passagen, Parks und Friedhöfe. An der Place Vendôme, einem der schönsten Plätze, begeistert ihn das Hotel „Ritz“ und dessen glamouröse Vergangenheit. Gegründet 1898 durch César Ritz, einen Schweizer Bauernbuben, verkehrte dort die intellektuelle Elite des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, von Proust über Coco Chanel bis Hemingway. Klink erinnert sich mit Wonne an ein denkwürdiges Heilig-Abend-Essen, das er dort mit Frau und Kind „abgefeiert“ hat. In den Squares (kleine Grünanlagen mit Kinderspielplatz, verteilt über die ganze Stadt) lässt er sich ermüdet nieder und pflegt seine wundgelaufenen Füße (das war noch vor dem Elektrofahrrad!).
Die Boulevards mit ihren Renommierbauten (Oper, Kaufhäuser, Cafés, Nobel-
            Restaurants, edle Geschäfte) entlang zu schlendern, machte mir großen Spaß und
            hatte eine große Wirkung auf mich „Landpomeranze“. Von den Plätzen liebte auch
            ich am meisten die Place Vendôme mit der Säule  Napoleons des I., den Juwelier-
            geschäften und dem  Hotel „Ritz“, das ich, anders als Klink, nur von außen betrachten
durfte; ferner die Place de la Concorde mit dem Obelisken aus Luxor, möglichst an
            einem Sonntagmorgen mit wenig Verkehr, oder die Place du Trocadéro mit dem über-
            raschenden Blick auf den Eiffelturm…
Beispielhaft für die ihn am meisten beeindruckenden Gebäude seien genannt: der Eiffelturm, die Kirchen Notre-Dame (noch intakt!) und St. Julien-le-Pauvre, ebenso die geschlossenen Ensembles des Marais-Viertels, das Palais Royal mit seinem schönen Garten, die Arkaden der  Rue de Rivoli … Jede Aufzählung muss lückenhaft bleiben.
Da kann ich ihm nur zustimmen, ich habe viele erwandert und besucht. Natürlich
            beäugt er die berühmten Cafés und Restaurants und muss sie alle ausprobieren.
            Davon konnte ein Au-pair-Mädchen nicht mal träumen! An Ausgehen war mangels
            Geld nicht zu denken, außerdem hatte ich ja „Vollpension“. Deshalb blamierte ich
            mich (und einen begleitenden Bekannten) auch einmal mit einer ungewöhnlichen
            Speisenkombination, worauf die Servierdame freundlich, aber auch ein wenig herab-
            lassend sagte: „Mademoiselle  n‘est peut-être pas francaise“. Recht hatte sie!
Vincent Klink hat natürlich nicht nur aus „gourmandise“, sondern auch aus professionellem Interesse bei seinen Kollegen von der Sterne-Küche gegessen (und lobt die meisten). So auch im „Epicure“, dem Restaurant des Hotels „Bristol“. Dabei ist ihm etwas Kurioses widerfahren, d.h. im dazugehörigen Hotel. Was hört er da am Empfangstresen? Schwäbische Laute! Zwei Landsleute –  noch dazu aus Schwäbisch Gmünd! – arbeiten an der Rezeption und begrüßen ihn, wie es sich gehört.
Den Brasserien und Bistrots gegenüber ist er eher kritisch; aber die haben eben gegen die sich auch in Paris – der „Hauptstadt“ des guten Essens – ausbreitenden Fast-Food-Ketten zu kämpfen und entsprechende Schwierigkeiten, preislich – bei guter Qualität – dagegen zu halten.

Text: Toni Sauer


 

Mit dem Finger auf der Landkarte

Mit dem Finger auf der Landkarte zu verreisen, ist ein echter Hit. Nichts leichter als das.
Wenn Dich also wieder mal das Fernweh packt oder Du weder Zeit noch Geld hast, für eine Weltreise. gelingt eine Entdeckungstour zu den schönsten Plätzen der Welt, unabhängig von Wind und Wetter. Auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, wenn man gerade nicht verreisen kann!
Diese Reise kostet keinen Cent und keinen Mut, aber sehr viel Phantasie. Man kann die tollsten Abenteuer erleben, fremde Städte kennen lernen, in die Geschichte eintauchen, sich verzaubern lassen, von vielerlei Gerüchen und Düften und kann sekundenschnell von einem Kontinent zum anderen hüpfen.
Bist Du im heißen Afrika, plagen Dich keine Mücken, keine Hitze und kein Durst. Bist Du gerade am Nordpol gelandet, musst Du Dich warm einpacken.
Bitte Platz nehmen, zurücklehnen, verzaubern lassen und genießen.
Du kannst steile Berge besteigen, ohne Anstrengung, ohne Atemnot die Aussicht genießen, durch wilde Felsklüfte klettern, am klaren Bergbach eine Rast einlegen. Oder mit dem Paddelboot wunderbare Seenlandschaften durchqueren.
New York von oben ansehen, barocke Paläste besuchen, in malerische Naturparks eindringen, auf der chinesischen Mauer entlang spazieren, riesige Regenwälder bestaunen oder an exotischen weißen Traumstränden in der Sonne liegen. Unter Dir liegen staubige Savannen, imposante Wasserfälle, aber auch Sandwüsten soweit das Auge reicht.
Du fliegst über die Meere, schaust gebannt auf die Wolkentürme, Nebelschwaden ziehen vorbei. Die Sonne geht auf. Sterne blinken auf über den Flügeln Deiner Phantasie. So schwebst Du über die Kontinente, verzaubert und tief beeindruckt von der Schönheit unserer Erde.
Dein Schiff fährt auf dem Nil, Du tauchst ein in die Geschichte der alten Ägypter, verwoben mit heutigem Glanz und Elend. Auch politische Weltkarten zeigen das Dilemma dieser Welt an. Im Laufe der Jahrtausende hat sich die Landkarte ganz schön verändert! Wie das in hundert Jahren aussehen wird, weiß noch niemand so ganz genau.
In Zeiten des Internet kann man sich die ganze Welt ins Haus holen. Jeden Fluss von der Quelle bis zur Mündung verfolgen. Man kann sich in aller Ruhe die ganzen Glanzlichter des Tourismus einverleiben. Willst Du Wellen reiten auf Hawaii oder doch lieber auf dem Pilgerweg laufen? Kein Berg ist zu hoch, kein Weg zu weit. Alles ist möglich, die Auswahl grenzenlos.
An manchen Stellen verweilt die Fingerkuppe dann etwas länger, wenn sie einen Punkt berührt hat, an dem persönliche reale Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchen.
Und außerdem: Kein Klimaschützer dieser Welt kann Dir einen Vorwurf machen; Du besteigst kein Flugzeug, kein Luxusschiff! Du kannst niemanden anstecken. Du verpestet nicht die Luft, das Auto bleibt in der Garage.

Collage & Text: Gudrun Roßmann


 

Irland – eine Reise auf die grüne Insel

Im Juli 2008.

Klippen von Moher

Drei Stunden Flugzeit liegen hinter uns, als wir unter uns die Küste Irlands mit der Hauptstadt Dublin erkennen. 1922 wurde Irland unabhängig und Dublin die Hauptstadt des Freistaates. Seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1973 hat sich Dublin zu einer Metropole entwickelt. Auf der anschließenden Stadtrundfahrt  lernen wir ihre wichtigsten Sehenswürdig-keiten kennen. Ein erster Höhepunkt ist die Besichtigung der St. Patrick Kathedrale. Vor der Kathedrale steht eine Büste von Sir Benjamin Guinness, einem Förderer dieses großartigen Bauwerks. Obwohl die größere der beiden Kathedralen der Stadt, ist nicht sie Sitz des Bischofs, sondern die kleinere Christ Church Cathedral. 1860 mit Geld der Guinnessfamilie saniert, stammt ein Großteil der Mauern und Verzierungen aus dem viktorianischen Zeitalter. Der Schriftsteller Jonathan Swift war hier von 1713 bis 1745 Dekan.
Unser nächstes Ziel ist das Trinity-College, die bedeutendste Universität Irlands. Seit dem 17. Jahrhundert wird hier das um 800 entstandene Book of Kells aufbewahrt. Spektakulär ist der  64 Meter lange Raum, in dem 200 000 Schriften aufbewahrt werden.
Am nächsten Morgen verlassen wir Dublin und fahren in südlicher Richtung durch die Wicklow-Mountains. In Glendalough liegt versteckt in einem tief eingeschnittenen Tal eine ehemalige Klosterstätte. Das auffälligste Monument der verstreuten Klosteranlagen, der 33 Meter hohe Rundturm, wurde  um 1066 während der Wikingerinvasion zum Schutz der religiösen Reliquien, Bücher und Kelche errichtet. Die anschließende Weiterfahrt führt uns in die mittelalterliche Stadt Kilkenny, wo wir das Castle mit seinen wunderbaren Gärten besichtigen. Unser letztes Tagesziel ist die Stadt Cork, im Süden der Insel gelegen, wo wir  übernachten werden.
Am Vormittag des drittenTages fahren wir nach Midleton, wo der Besuch einer Whiskeybrennerei auf dem Programm steht. Die Irish Destilliers-Group in Midleton gehört zu den drei wichtigsten Standorten. Hier werden seit 1943 die diversen Whiskeys in der John-Jameson-Destillerie hergestellt. Höhepunkt der Besichtigung  ist die Whiskeyprobe.
Besonders anziehend ist der Cork City-Market wegen seiner Architektur mit Bögen, Brunnen und Galerien. Wir verlassen Cork und fahren an den südlichsten Zipfel der Insel und erreichen gegen Mittag Kinsale, eine historische Hafenstadt. Ein ausgedehnter Spaziergang bringt uns die Schönheiten dieser Stadt näher. Außerhalb der Hafenstadt machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp und haben einen großartigen Ausblick auf zwei gewaltige Forts, die früher die Einfahrt in den Hafen gesichert haben. Anschließend geht unsere fahrt nach Tralee, wo wir übernachten werden.
Der nächste Tag führt uns auf den “Ring of Kerry”, eine einzigartige Küsten- und Panorama-straße. Unser erstes Ziel ist das Cahergall Stone Fort. Massive Trockenmauern aus Natur-steinen bilden ein Rondell, welches man über treppenartige Stufen begehen kann. Im Süd-westen der Halbinsel liegt Waterville mit seinen knapp 500 Einwohnern. Es zieht zahlreiche Touristen wegen der lebensgroßen Statue des Komödianten  Charly Chaplin an, der hier einige Male Urlaub gemacht hat.
Den Höhepunkt der Reise erleben wir am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein. Ein atemberaubender Anblick bietet sich uns auf die Klippen von Moher. Bis zu 210 Meter ragen diese senkrecht  aus dem Atlantik und erstrecken sich auf einer Länge von 7 Kilometern. Weiter geht es am Fjord entlang zur Kilemore Abbey. Dieses gotische Schloss wurde im 19. Jahrhundert von einem reichen Kaufmann aus Liverpool erbaut und ist heute im Besitz
Benediktiner-Nonnen.  Die Connemara-Region ist ohne Zweifel der wildeste und romantischste Teil Irlands. Typisch sind die Moore, in denen noch heute Torf gestochen wird Am Abend erreichen wir die alte Bischofsstadt Galway wo wir nach einem guten Essen den Tag beschließen.
Am nächsten Morgen verlassen wir Galway und gelangen zum River Shannon, dem längsten Fluss Irlands. 548 gegründet, liegen hier an den Ufern malerisch die Ruinen des Klosters Clonmacnoice. Die Hochtürme, die  Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert und die wunderschönen Reproduktionen der Hochkreuze sind beeindruckend. Zum Abschluss des Tages genießen wir ein letztes Mal das bunte Treiben in den Straßen von Dublin.
Heute ist Abreisetag und nach einem gemeinsamen Frühstück heißt es Abschied nehmen von Peter, der uns so viele interessante Dinge über Irland erzählt hat, von Robby, der uns so sicher und gut durch Irland chauffiert hat und letztendlich von Irland selbst, einem Land, das eine Reise wert war.

Text u. Foto: Rolf Hohmeier


 

Unterwegs mit der S-Bahn

 

Im Remstal

Zur Landesgartenschau im Remstal, Anfang August 2019. Es war schon eine Weile her, dass ich mit dem Fahrkartenautomaten allein zu tun hatte. Die Eingabe des Fahrziels gelang nach mehreren Versuchen und kostete natürlich Zeit. Eine junge Frau half mir beim Herausfischen von Ticket und Münzen unten aus dem Ausgabefach, so dass ich den Zug gerade noch erreichen konnte. In Wendlingen bat uns der Lokführer um Verständnis für den Halt des Zuges; in Kürze würde uns ein verspäteter Zug überholen. Nach vier Minuten rauschte dieser vorbei. Umstieg in Bad Cannstatt, wo ich (vorinformiert) auf dem Bahnsteig gleich gegenüber die Linie 2 nehmen und in den letzten Wagen einsteigen sollte. Statt über die Abfahrzeiten zu informieren, begann die fortlaufende elektronische Anzeige dort mit +++  und „Achtung: auf Grund von Bauarbeiten“ … kommt es nicht nur zu Verspätungen, sondern auch „zu Gleisänderungen und geänderte Linienbezeichnungen“. Bitte vor jeder Abfahrt informieren. +++  Die Lautsprecherdurchsage war nicht zu verstehen, ein Plan des Stuttgarter S-Bahn-Liniennetzes nicht in der Nähe, vom Personal keine Spur… Schulterzucken oder Smartphone-Benutzen der Nebenstehenden. Letztendlich stieg ich einfach in den nächstbesten Zug ein und war sehr erleichtert, als die Station Fellbach in Sicht kam – also stimmte wenigstens die Richtung. Mit leichter Verspätung kam ich am Zielort an und entdeckte am anderen Ende des Bahnsteigs meine wartende Stuttgarterin, die aus Verunsicherung über widersprüchliche Telefonauskünfte lieber einen früheren Zug gewählt hatte. – Nach einem schönen und fröhlichen Ausflugstag gestaltete sich die abendliche Rückfahrt ähnlich chaotisch. Wieder Verspätungen auf allen (7 +1) Linien und ihre geänderten Bezeichnungen. So fuhr ich ab Cannstatt mit der S 31, der Baustellenlinie Flughafen / Messe nach Kirchheim-Teck, zurück.  Unterm Strich war alles irgendwie gut gegangen. Zumal für Ausflügler und Reisende (ohne Gepäck), die keinen Anschlusszug erreichen sollten, nicht pünktlich zur Arbeit oder einem wichtigen Termin erscheinen müssen und darum Wartezeiten gelassen hinnehmen können. Da hat man Zeit, sich über elektronisch laufende Ereignisse des Tages (weltweit oder regional) zu informieren oder Werbung für alles Mögliche wahrzunehmen. Wie zum Beispiel die groß plakatierte Kampagne des Bundesministeriums der Justiz „Wir sind Rechtsstaat“ zu Gleichberechtigung, Pressefreiheit und Bürgerrechten. „Wir glauben an die Freiheit und an die Freiheit des Glaubens“ ist in ganzer Länge allerdings nur zu studieren, wenn der Zug langsam an der Plakatfläche vorbeifährt. Bemerkenswert für Bahnreisende sind auch  gegen Gedankenlosigkeit und Übermut gerichtete Informationen auf Schildern wie diese:
„Bitte Koffer, Kinderwagen und Rollstühle hier nicht ungebremst abstellen, da der Bahnsteig  leicht geneigt ist.“ Und: „105 Tonnen S-Bahn fegen Dich schneller weg, als Du „Kehrwoche“ sagen kannst. Weg vom Gleis oder es kracht!“ Oder: „Eine Oberleitung hat 65mal mehr Spannung als eine Steckdose im Häusle.“ www.s-bahn-stuttgart.de

Schloss Favorite

Im Gegensatz zum oben beschriebenen Chaos-Tag empfand ich dann meine bisher letzte Gruppenfahrt (!) mit der S-Bahn als angenehm normal. Die Teilnehmer der  Sonntagstour im Oktober2019 mussten sich beim Umsteigen im Stuttgarter Hauptbahnhof etwas zügig durch die Menschenmenge drängen, immer mit Blick auf Vorderfrau und Vordermann, um das richtige Gleis zur Abfahrt der S 5 pünktlich zu erreichen. Ausstieg in Tamm (vor Asperg), um von dort durch Gärten und Parks zu den Schlössern Monrepos und Favorite sowie am  Residenzschloss vorbei in die Stadt Ludwigsburg hinein zu wandern. Auf dem Marktplatz fand jede/r noch ein Plätzchen zum Kaffeetrinken. Und auf der Rückfahrt peu à peu auch einen freien Sitzplatz im Zug.
Dies ist so gegenwärtig noch nicht wieder möglich, obwohl die “S-Bahn nach gewohntem Fahrplan fährt“. Laut aktueller Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg dürfen sich im öffentlichen Raum nicht mehr als 10 Personen, die nicht miteinander verwandt sind, gemeinsam aufhalten. Und im öffentlichen Personalverkehr, an Bahn- und Bussteigen müssen die Reisenden „eine nicht-medizinische Alltagsmaske oder eine vergleichbare Mund-Nasen-Bedeckung“ tragen. Vor allem: Wo immer es möglich ist, sollte ein Abstand von mindestens 1,50 Meter eingehalten werden.

Fotos u. Text: Sabine Wenzel


 

Auf  Wanderwegen

Nur zwei denkwürdige Episoden aus einer Reihe vieler schöner Wanderreisen in Zeiten, als es den Euro noch nicht gab und das unkontrollierte Reisen nicht möglich war …
In den Pfingstferien 1989 wollten wir fünf Wanderfreunde, die sich auf Kreta zusammen gefunden hatten, in der Hohen Tatra leichte Bergtouren machen. Nach langer Bahnfahrt via München – Wien –  Bratislava trafen wir spät abends in dem kleinen slowakischen Städtchen Poprad ein. Und hatten Durst, aber keine Landeswährung zur Hand. Die Wechselstuben waren natürlich schon geschlossen, also suchten und fanden wir ein größeres Hotel. An der Rezeption verlangte die junge Angestellte aber einen Reisepass von uns. Alle zuckten mit den Achseln, hatten alles in der Pension stehen und liegen lassen. Nur ich hatte – wie immer – im Geldbeutel meinen DAV-Ausweis stecken, den ich ihr zögernd hinhielt. Sie schaute sich das Papier genau an: ebenso grau wie der deutsche Personalausweis mit Passbild, Namen, vollständiger Adresse und  großem Stempel mit dem Edelweiß (!) in der Mitte – und wechselte mir schließlich 50 DM in tschechische Kronen (koruna ceskoslovenská) um. So konnten wir schließlich noch, bei Wasser und Bier sitzend, unsere Wanderungen und Ausflüge besprechen. Zwischen der Lomnitzer Spitze (2632 m), bequem mit der Seilbahn erreichbar, und der Gerlachspitze (2655 m) wanderten wir bei angenehmen Temperaturen „so für uns hin“. Und machten einen Abstecher ins Zipser Land. –  Die Rückreise trat ich danach allein an, um mir drei Tage lang Prag anzusehen. Am Prager Hauptbahnhof sprach mich gleich eine Frau an, ob ich ein Zimmer suche; sie gab mir die Adresse von ihren Bekannten, zeigte mir die richtige Straßenbahnlinie dorthin. Für zwei Übernachtungen (im Bett des abwesenden Sohnes) bekam ich mit dem Handtuch eine Rolle Klopapier überreicht!

Der Weg ist das Ziel

2001, flog ich fünf Tage nach „nine eleven“, den Terroranschlägen in New York und Washington,  von Stuttgart nach Athen. Hier wie dort herrschten die strengsten Sicherheitskontrollen und verlängerten die Anreise beträchtlich. An die Weiterfahrt auf die Dodekanes-Insel Kos erinnere ich mich nicht mehr. Südöstlich vom Hauptort Kos hatte ich einen kleinen Bungalow für mich in einer weitläufigen Hotelanlage. In den ersten Tagen dort wollte ich mir die stadtfernere Umgebung ansehen. Ich marschierte in Wanderstiefeln einfach los und kam bald an die felsige Küste, wo der Weg endete. Hier genoss eine lustige Gruppe griechischer Senioren wie in einer großen Badewanne das warm sprudelnde Quellwasser im Meer. Direkt dahinter führten Ziegenpfade steil in die Höhe. Zurück wollte ich noch nicht, also nichts wie hoch. Vielleicht könnte ich von dort oben die türkische Küste sehen. Oben angekommen, fielen mir rostige Drahtrollen und eine große verschlissene Warntafel auf, auch das Wort „danger“! Links daran vorbei gehend, standen mir plötzlich zwei griechische Soldaten mit Gewehren im Anschlag gegenüber. Fragten, wo ich herkomme. Von unten, vom Meer. Verstärkung kam im Jeep angebraust. Ein Palaver entbrannte, von dem ich nichts verstand. Ich, kurz behost, mit Spiegelreflexkamera und Fernglas um den Hals und zerkratzen Waden, stand starr und steif daneben. Plötzlich wies mir der Ranghöchste vom Jeep herab – mit einer Geste wie  einst Alexander der Große auf dem Pferd –  mit dem Zeigefinger den „rechten“ Weg.  Und ich ging die geteerten Kurven hinunter und auf halber Höhe in Richtung Kos zurück. Dabei spürte ich noch lange die beobachtenden Blicke in meinem Rücken. Als ich mich umblickte, sah ich natürlich die mehrsprachigen neuen Warntafeln am Straßenrand stehen. Aus dieser Richtung kommend, hätte ich das militärische Sperrgebiet niemals betreten! Sie hätten mich festnehmen können  und alles abnehmen dazu! Mein Auftauchen von der Meerseite her, musste für die Soldaten so überraschend gewesen sein, dass sie nicht einmal meine Papiere kontrollierten. Die hatte ich natürlich dabei, auch den Hotelnachweis, im Brustbeutel unterhalb der rechten Schulter hängend. Das war ja noch ´mal gut gegangen!

Foto und Text: Sabine Wenzel


 

Die spanische Grippe

eine Geschichte der Pandemie von 1918

Menschen mit Masken im Gesicht sind heutzutage ein alltägliches Bild. Aber dass ein solches Bild auch auf dem Umschlag eines Buches mit dem Titel „Die spanische Grippe“ erscheint, machte mich neugierig. Das von Harald Salfellner 2020 herausgegebene Buch beschäftigt sich mit der verheerenden Influenza-Epidemie zu Ende des 1.Weltkriegs, die mit einer oft tödlichen Pneumonie einherging.
Wo der Auslöser zu verorten ist, bleibt bis heute umstritten, die einen sagen China (!), die anderen USA oder Russland. Fakt ist, dass es schon damals, kriegsbedingt, weltweiten Austausch an Menschen und Material gab. Chinesische Kontraktarbeiter wurden nach Frankreich verfrachtet, um dort Hilfsdienste zu leisten, sie bringen eine hochinfektiöse Pneumonie mit, leben zusammengepfercht in schlechten Unterkünften und infizieren sich gegenseitig und die sie umgebende Bevölkerung. Auch in den USA häufen sich im Frühjahr die Influenza-Fälle (z.B. starb am 27. 5. 1918 ein gewisser Friedrich Trump, der Großvater des aktuellen amerikanischen Präsidenten, an der Grippe) und das Virus wird durch Truppenverlagerungen nach Europa verbreitet. Allerdings wütet auch hier schon der Erreger.  Ab Ende Mai wird aus Spanien unzensiert – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – über die Epidemie berichtet, sodass die Krankheit mit dem Land identifiziert wird und sich der Name einbürgert.
Alles in allem gibt es in den USA 675.000 Tote, in Brasilien 300.000, in Europa 2,5 Millionen, in Indien 14 Millionen, Russland und China geben keine Zahlen bekannt. Es sind mehr Tote als auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs, und trotzdem schwindet die Seuche bald aus dem kollektiven Bewusstsein. Seltsam! Aber aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass meine Eltern, die damals 21 bzw. 18 Jahre alt waren und die Pandemie ja miterlebt haben mussten, nie davon gesprochen haben.
Aus dem Buch habe ich gelernt, dass durch die Jahrhunderte Seuchen kommen und gehen und wiederkommen, mit verheerenden Auswirkungen auf die Lebensumstände und die Anzahl der Menschen. So gesehen erleben wir zur Zeit nichts Neues, und Maskentragen, Quarantäne, hilfloses Ausprobieren von Medikamenten sowie das große Sterben war zu allen Zeiten an der Tagesordnung.
Das äußerst informative und lesenswerte Buch hat 192 Seiten, die gespickt sind mit Zahlenmaterial, und enthält mehr als 280 Abbildungen.

Text: Toni Sauer
Abb.: Titelbild


 

Farbenspiele

Es steigt ein Maler von den Bergen,
tausend Farben im Gepäck.
Er wird die Wälder bunt verfärben,
Bis auf den letzten grünen Fleck

Nur die Tannen, die sind auserkoren,
die widerstehn der Farbenpracht.
Ihr Grün, das ging noch nie verloren,
sie zeigen dem Künstler Grenzen seiner Macht.

Auf den Maler folgt ein anderer Meister,
Schnee und Eis sind seine Fracht.
Wind und Frost sind seine Geister,
diese löschen schnell die bunte Pracht.

Weiß und leise werden die Gefilde,
und das Licht fällt frostgedämpft
auf die glitzernden Gebilde,
die der Reif an Weidezäune hängt

Walter Graef  (Oktober 2011)
(Foto: Sabine Wenzel)


 

Die Schubartin
Roman einer mutigen Frau.

Felix Huby und Hartwin Gromes lassen in ihrem neuesten Buch* das Leben des Dichters,  Musikers und Rebellen Christian Friedrich Daniel Schubart aus der Sicht seiner Frau erzählen.
Am 10. Oktober 1791 sitzt Helene an Schubarts Sterbebett, ordnet seine Papiere und bedenkt ihr Leben an seiner Seite, das recht schwierig und „doch eine große Liebe gewesen“ ist. Nur so ist es ihr möglich, all seine Eskapaden und Launen zu ertragen und um ihn zu kämpfen, als Herzog Carl Eugen ihn in den Kerker werfen lässt.
1763 kommt Christian Schubart nach Geislingen, übernimmt die Leitung der Knabenschule, ist Musikdirektor und Organist an der Stadtkirche. Schon bald heiratet er Helene, die 19-jährige Tochter des Finanzbeamten Georg Bühler. Zwei Kinder, Ludwig und Juliana, werden geboren. Das geregelte Leben unter den kritischen Augen Bühlers und des Dekans behagt ihm auf die Dauer nicht und so geht er 1769, zunächst allein, nach Ludwigsburg. Helene folgt ihm mit den Kindern. Sie bleibt dem glanzvollen höfischen Leben fern, das ihr Mann sehr genießt. Als Organist, Pianist und Klavierlehrer ist er ständig unterwegs. Zu seinen Klavierschülerinnen gehört auch Franziska von Leutrum, die neue Mätresse Carl Eugens. Helene hört von zärtlichen Berührungen während der Klavierstunden – und  im Haus findet sie Christian in den Armen der Dienstmagd liegen, weshalb sie für eine längere Zeit nach Geislingen zurückkehrt. Wieder in Ludwigsburg, stellt Helene sich an die Seite ihres Mannes, so dass ihm ein Ehebruch nicht nachzuweisen ist. Doch 1773 wird Schubart wegen vernachlässigter Dienstpflicht, seiner Spottverse und Kritik  an der Kirche vom Spezialdekan  exkommuniziert und aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Und Herzog Carl Eugen, von Franziska dazu aufgefordert, erteilt ihm den Befehl, sich so rasch wie möglich aus dem Lande zu entfernen. Als ihm am 21. Mai diese Verfügung überreicht wird, ist Schubart fassungslos. Kopflos, ohne Plan rennt er zur Stadt hinaus, ohne sich von seiner Familie zu verabschieden. Völlig mittellos muss Helene ihren Vater bitten, sie und die Kinder nach Hause zu holen. In Geislingen übernimmt Helene den Haushalt ihrer Mutter und macht gering bezahlte Näharbeiten. Ihr Mann bleibt spurlos verschwunden. Erst nach einem halben Jahr erfährt sie von einem vorbeireisenden Schweizer, wie Schubart sich als Musiker und rezitierender Künstler bis nach Mannheim durchgeschlagen hat und dass er aus Scham über sein unsägliches Verhalten nicht wagt,  sich selbst an Helene zu wenden. So ist sie es, die schließlich den ersten Schritt tut und ihrem Mann einen langen Brief schreibt.  Erst aus Augsburg, wohin er nach seiner Ausweisung aus Mannheim gelangt ist, erhält sie Antwort von Schubart. Anfang März 1774 sitzt er zusammen mit Handwerkern im Wirtshaus beim Wein, hört ihnen zu, erzählt ihnen Geschichten, singt Lieder und rezitiert eigene Verse. Konrad Stage, der Verleger eines Wochenblatts, hört begeistert zu und lässt sich von Schubart überzeugen, etwas Großes aus seinem Blatt  machen zu können. So erscheint am 13. März die erste Nummer der „Deutschen Chronik“, die rasch reißenden Absatz findet und zur zweitgrößten deutschen Zeitung heranwächst. Schubart bittet Helene, mit den Kindern zu ihm zu ziehen. Bei einem Besuch treffen sie ihn im Wirtshaus an, wo er einem jungen Verlagsmitarbeiter seine Zeitungsartikel diktiert.  Helene lässt Ludwig bei seinem Vater, damit er dort  das Gymnasium besuchen kann, und reist zurück.  Dem Volk aufs Maul schauend, schreibt Schubart für Bürger und Handwerker über Gott und die Welt, übt Kritik an den herrschenden Zuständen, verspottet Adel und Kirchen. Vor Ort macht er sich speziell die Jesuiten und den katholischen Bürgermeister zum Feind, der den Druck der Zeitung in Augsburg verbietet. Danach erscheint sie in der Freien Reichsstadt Ulm. Seine protestantischen Freunde können zwar Schubarts  Haftentlassung bewirken, den späteren Stadt-Verweis  aber nicht verhindern. Mit der Postkutsche fährt er nach Ulm, wo er gleich einem Musikdirektor begegnet, den er von früher kennt. Durch dessen Vermittlung wird er bald zum Mittelpunkt des künstlerischen Lebens in Ulm,  arbeitet weiterhin als Journalist und schickt Ludwig auch hier aufs Gymnasium. Im Januar 1775 holt Schubart Helene und Juliana aus Geislingen ab. Juliana erhält Musik- und Gesangsunterricht. Helene kann nach langen Wochen der Krankheit und Schwermut ihre Familie wieder umsorgen.  Sie führen jetzt ein gutes, sorgenfreies Leben. Doch schon nach zwei Jahren wird Schubart von einem befreundeten Klosteramtmann ins württembergische Blaubeuren gelockt und auf Befehl Carl Eugens sofort verhaftet. Er darf noch an Helene und den Herausgeber der Zeitung schreiben, ehe er auf die Festung Hohenasperg gebracht wird. Franziska und Carl Eugen schauen zu, als Schubart  auf den Gefängnisturm zugeht. Sie wollen diesem Kerl, der sie so verspottet hat, den lockeren Lebenswandel austreiben. –  Als Helene dabei ist, in Ulm ihre Sachen zu packen, wird ihr von Balthasar Haug im Auftrag Carl Eugens das Angebot gemacht, mit einem Jahressalär von 200 Gulden nach Stuttgart zu ziehen, wo Ludwig die Karlsschule und Juliana die École des desmoiselles besuchen sollen. Helene nimmt an, der Kinder wegen und um dem Gefangenen nahe zu sein.
Über 10 Jahre bleibt er ohne Anklage und Prozess im Gefängnis. Die ersten 13 Monate  im dunklen fensterlosen Raum. Nach und nach bessert sich seine Lage, darf er wieder schreiben, musizieren und schließlich den Offizierstöchtern Klavierunterricht erteilen. Helene besucht mehrmals die öffentlichen Audienzen des Herzogs, um die Freilassung ihres Mannes zu erbitten. Aber Carl Eugen lehnt ab, weil der Gefangene sich noch nicht gebessert habe. Nur einmal darf die Familie Christian Schubart auf dem Hohenasperg sechs Tage lang besuchen. Carl Eugen, der in Berlin bei Friedrich dem Großen erzogen wurde, entlässt Schubart erst als der preußischen König Friedrich Wilhelm II. ihn darum bittet.  Am 18. Mai 1787 kommt Christian Schubart aus dem Gefängnis, wird Hoftheaterdirektor in Stuttgart und darf sich wieder journalistisch betätigen. Er lebt noch vier Jahre lang „fröhlich als freier Mann“.
Helene stirbt am 25. Januar1819 im Stuttgarter Pfleghaus in völliger Armut.

Foto und Text: Sabine Wenzel

*Huby, Felix; Hartwin Gomes: Die Schubartin.
Tübingen: Klöpfer, Narr (2020).  223 S.


 

Herbstzeit

Bevor der Sonne Auge bricht
erscheint mit Macht,
im letzten Abendlicht
des Herbstes volle Farbenpracht.

Der Kirschbaum glüht am Hange,
ein roter Feuertraum,
wie eine Riesenflamme,
die lodert in den Raum.

Odins Vögel krächzen die Dämmerung herbei,
bald beginnt die Nacht ihr Regiment,
taucht die bunten Töne in dunkles Einerlei,
das keine Farben kennt.

Auch erhebt der Herbstwind seine Schwingen,
fegt fetzig über Wald und Land,
am Morgen ragen kahl die Äste, so wie Finger
an einer gespreizten Hand.

Der Herbstwind riss die Blätter vom Geäst,
ließ Zweig und Stamm erzittern,
trieb sie in wahrem Wirbelfest
zu Haufen, hinter Ecken, Gittern.

Nun setzt der Frost den Fuß aufs Land,
überzieht es mit blanker Weiße.
Die Farbenpracht des Herbstes schwand,
und Reif bedeckt die Weite.

Walter Graef   (November 2007)