Zwischenzeit-Artikel

(aktualisiert am 24. September 2021)


Editorial

Auszüge aus der turbulenten Geschichte des deutschen Schulwesens in Siebenbürgen

Gefährliche Wege in ein besseres Leben

Man lernt fürs Leben

Schule des Lebens

Die Sache mit dem Wandspruch

Die beste Schule für mein Kind

Volksschule damals

Extra 1 :  Frühlingserwachen

Extra 2 : Das schönste Ferienerlebnis

Extra 3 : Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Extra 4 : Gut gemeinter Rat


 

S c h u l e . Editorial.

Auszüge aus der turbulenten Geschichte des deutschen Schulwesens in Siebenbürgen
Für die Siebenbürger Sachsen hatte die deutschsprachige Schule eine existentielle Bedeutung. Nach der Reformation wurden 1543 bereits bestehende Einrichtungen durch die Schulordnung des Reformators Johannes Honterus grundlegend umgestaltet und von den Schriften Melanchthons  humanistisch beeinflusst. Unter der Obhut der evangelischen Kirche konnte sie sich bis 1948 in Rumänien behaupten.

Gefährliche Wege in ein besseres Leben
Hochmotiviert, allein oder in kleinen Gruppen, schlecht ausgerüstet , nur mit Schulbüchern auf dem Rücken machen sich Kinder in entlegenen Regionen der Dritten Welt jeden Tag auf einen langen Weg voller Strapazen und Gefahren zur Schule. Vor und nach dem Unterricht helfen sie daheim  beim Viehhüten oder mit Feldarbeiten. Auch ihre Eltern  wissen, dass nur ein Schulbesuch  ihren Söhnen und Töchtern die Chance auf ein besseres Leben in gut bezahlten Berufen  ermöglichen kann.

Man lernt fürs Leben
Die Zwillinge Maxel und Bärbel finden schon am ersten Schultag heraus, dass Lernen für die Katz ist, nur um später mal Doktor oder Apothekerin, Polizist oder Feuerwehrfrau zu werden. Da erklärt ihnen der Lehrer, dass sie zumindest rechnen, d.h. abziehen lernen müssen, weil es am Ende immer darauf ankommt, was unterm Strich übrig bleibt.

Schule des Lebens
Im Laufe des Lebens  geht man durch Höhen und Tiefen, erlebt Glück, Freude und Leid, Verlust und Trauer, hat Erfolg oder auch nicht,  wagt nach einer Niederlage den Neuanfang, schaut positiv nach vorn…  und ist letztendlich reich an Wissen und Lebenserfahrung.

Die Sache mit dem Wandspruch
Thüringen im Herbst 1948:  der Sprecher der Abschlussklasse und seine Mitstreiter haben ein Problem. Der Spruch „Friede ernährt, Unfriede verzehrt“ ziert schon die Wand des neuen Klassenzimmers, aber welches der von  der russischen Armee (!)  erhaltenen Bilder soll über FRIEDE und welches über UNFRIEDE hängen, Lenin oder Stalin? Oder wie?

Die beste Schule für mein Kind
Ein fundierter Vergleich der Waldorfschule mit der Montessori-Schule in der Geschichte ihrer Entstehung und ihrem pädagogischen Konzept – mit einer Empfehlung aus der Sicht einer Lehrerin je nach den unterschiedlichen Begabungen der  Kinder.

Volksschule damals
Auf dem Land gab es in der Nachkriegszeit nur eine ungegliederte Volksschule für alle schulpflichtigen Kinder vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr. Jeweils zwei Jahrgänge saßen eng zusammengedrängt  in einer Klasse einem Lehrer/ einer Lehrerin  frontal gegenüber.

Für die ZwischenZeit-Redaktion: Sabine Wenzel


 

Auszüge aus der turbulenten Geschichte des deutschen Schulwesens in Siebenbürgen

Die Schule hatte für die Siebenbürger Sachsen immer eine zentrale, ja existentielle Bedeutung. Mit dem Aufkommen des städtischen Bürgertums reichten die in mittelalterlichen, geistlichen Schulen angeeigneten Kenntnisse nicht mehr aus, um den spezifischen Anforderungen von bemittelten Handwerkern und Kaufleuten zu genügen. Bereits vor der Reformation wurden darum in den siebenbürgischen Städten sogenannte Ratsschulen gegründet. Bis 1543 soll es etwa 120 von diesen in siebenbürgisch-sächsischen Ortschaften gegeben haben. Nach der Reformation und der Schulordnung des siebenbürgischen Reformators Johannes Honterus, wurden die deutschen Schulen grundlegend umgestaltet. Mit Festigung der lutherischen Glaubensrichtung gelangte das Unterrichtswesen zunehmend in den Einflussbereich der evangelischen Kirche. Die humanistische Komponente ging auf den Einfluss Melanchthons zurück, dessen Schriften bei den Siebenbürger Sachsen großen Anklang fanden.
Die Ereignisse, die sich um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert, während des Übergangs von der türkischen zur österreichischen Oberherrschaft, zutrugen, hatten die Schultätigkeiten stark reduziert. Nach 1711 beruhigte sich die politische Lage im Land einigermaßen und führende sächsische Intellektuelle gingen daran, das Schulwesen neu zu beleben. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Kaiserin Maria Theresia kam es zu Reformen, die auch das deutsche Schulsystem Siebenbürgens aus dem Zeitalter des Barock endgültig in jenes der Aufklärung führte. Große volkspolitische Bedeutung kam dem Schulwesen der Siebenbürger Sachsen im 19. Und 20. Jahrhundert zu. Mit dem Verlust des Status einer politisch mitbestimmenden Nation, neben Ungarn und Szeklern und der Einsicht, dass man sich hinfort als Minderheit behaupten musste, wurden evangelische Kirche und Schule zu Kristallisationspunkten des gesamten Lebens der Siebenbürger Sachsen. Die Kirche nahm die Schulen in ihre Obhut und entzog sie somit des gänzlichen Zugriffs des ungarischen Staates und seinen aggressiven Madjarisierungsbestrebungen.
Trotz ungünstiger politischer Rahmenbedingungen gelang es den Deutschen Siebenbürgens ein vielseitiges Schulsystem von beachtlichem Niveau zu entwickeln, das auch nach Angliederung Siebenbürgens an Rumänien im Jahre 1918 noch über Jahrzehnte hin, trotz der Bedrängnisse, jetzt seitens der rumänischen Regierungen, Bestand haben sollte.
Radikal änderte sich die Situation erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Januar 1945 erfolgte die Deportation eines Großteils der Deutschen Rumäniens zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion, unter anderen auch viele Lehrkräfte. Diese wurden, so weit wie möglich, durch Reaktivierung von pensionierten und minderqualifizierten Erziehern ersetzt, was zu vielen Unterrichtsausfällen und Chaos an den Schulen führte. Vor allem, nachdem 1948 die deutschen Schulen von der evangelischen Kirche getrennt und in die Kompetenz des kommunistischen Staates überführt wurden, dessen Ideologie sie in die erzieherische, atheistische Praxis umsetzen mussten. Außerdem waren alle kulturellen, befruchtenden Verbindungen zum Westen und zum deutschen Sprachraum gekappt. Der jahrhundertealten Tradition der deutschen Schulen in Siebenbürgen und dass auch zahlreiche Rumänen sie besuchten und nicht zuletzt der Einsatzbereitschaft vieler Lehrer, ist es zu verdanken, dass auch in den Jahren des ideologischen Druckes, der politischen und nationalen Verunsicherungen und vieler Einschränkungen, weiterhin in deutscher Sprache unterrichtet werden konnte.
Wenn ich heute als Erwachsener, in einem freien, wirklich demokratischen Land lebender, an meine Schulzeit in Siebenbürgen, die 1944 begann, zurückdenke, kann ich erst richtig beurteilen, unter was für ideologischen Zwängen, politischem kommunistischem Druck und eingeengtem Spielraum unsere Lehrkräfte den Unterricht gestalten mussten. Sie taten es mit bewundernswertem Mut und Einfallsreichtum. Es ist ihnen trotz aller Widrigkeiten und vorbei an den Absichten des politischen Regimes gelungen, uns in humanistischer und vor allem siebenbürgisch-deutscher Schultradition zu erziehen. Für diese Leistung, die heute nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, müssen wir ihnen alle dankbar sein.
Den deutschen Schulen Siebenbürgens ist es in hohem Maße zu verdanken, dass sich die Siebenbürger Sachsen fast 900 Jahre, als relativ kleine Minderheit, in der Fremde behaupten konnten.

Text: Walter Graef


 

Gefährliche Wege in ein besseres Leben

Unter einem Schulweg versteht man im Allgemeinen den Weg vom Elternhaus zur Schule. Er wurde früher zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Weit verbreitet hat sich in den letzten Jahren aber, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, welches zu einem stark erhöhten Verkehr vor den Schulen führte und von den Anwohnern nur missbilligend in Kauf genommen wurde. Später hat man dann sogenannte Elternhaltestellen eingerichtet, die nur einige hundert Meter vor der Schule entfernt entstanden. Die Sicherheit auf den Schulwegen hat sich durch verschiedene Maßnahmen stetig und deutlich verbessert. Aber viele Kinder lernen heute zu spät oder gar nicht die Gefahren im Straßenverkehr richtig einzuschätzen.
Im Fernsehen wurde kürzlich eine Serie ausgestrahlt, in der man über Schulwege mit einem hohen Gefahrenpotential für Kinder in verschiedenen Regionen der Welt berichtete und welche Strapazen sie, für uns unvorstellbar,  dabei auf sich nehmen.
Die Kinder aus Madibago im Nordwesten der Philippinen haben einen der außergewöhnlichsten und gefährlichsten Schulwege der Welt. Die elfjährige Aible wohnt direkt am Meer, ihre Schule befindet sich aber mitten auf dem angrenzenden Berg, um auch den dort lebenden Kindern eine Schuldbil-dung zu ermöglichen. Eine Straße führt dort hinauf, immer entlang der Küste. Doch sie zu Fuß zu gehen, würde mehrere Stunden dauern. Aible und ihren Nachbarskindern bleibt also nichts anderes übrig, als jeden Tag die Abkürzung quer durch den Dschungel zu nehmen, der sie zur gefürchteten Steilwand mitten im Dschungel führt. In Flip-Flops und mit den Schulbüchern auf dem Rücken klet-tern die Kinder morgens und abends die etwa 40 Meter hohe und teilweise 90 Grad steile Klippe herauf und herunter. Schon viele Kinder sind hier abgestürzt und haben sich verletzt. Aber Aible und ihre Mitschüler wagen sich trotzdem jeden Tag erneut an die Wand, getrieben von der Hoffnung, durch ihre Schulbildung ein besseres Leben zu ergattern.
Die Yungas-Täler zwischen Anden und Amazonasbecken: Die Kinder in dieser abgeschiedenen und armen Region legen weite und unvorstellbar gefährliche Wege zurück. Sie trotzen Naturgewalten, Hunger und Erschöpfung. Alles für ein Ziel: Bildung. Der siebenjährige Elmer träumt davon, Ingenieur zu werden und sich ein neues Haus zu bauen, weit weg von seinem jetzigen Zuhause. Denn von dort aus führt nur ein einziger, lebensgefährlicher Weg zur Schule: Ein altes, durchhängendes Drahtseil, gespannt über eine 200 Meter tiefe Schlucht. Elmers einzige Sicherung: Eine rostige Eisenrolle und ein Plastiksack. Auf der anderen Seite des Tals, hoch oben auf einem Berg, leben die Schwestern Mariela und Helen. Abgeschieden und in großer Armut. Jeden Tag treten sie einen Gewaltmarsch zur Schule an, angetrieben von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Sie haben den weitesten Weg von allen Schulkindern. Fast drei Stunden kämpfen sie sich den Berg hinab. Durch dichten Dschungel, alles ohne Wasser und Proviant. Diese kleinen Helden haben ihren Traum immer fest im Blick: Durch Bildung die Berge verlassen und in die Stadt ziehen. Raus aus der Armut und weit weg von ihrem lebensgefährlichen Schulweg.
Im Norden Kolumbiens, in der Region Bajo Cauca, liegt das kleine Dorf Vereda la Escuela. Hier wechseln sich dichter Dschungel und Sumpfgebiete ab. Die Menschen, die hier leben, haben kaum mehr als das Allernötigste. Der einzige Ausweg: ein guter Job in der Stadt. Wer hier der Armut entkommen will, schafft dies meist nur durch eine gute Schulbildung. Doch der einzige Weg zur Schule führt über eine instabile, morsche Brücke, die aus wenigen dünnen, rutschigen und notdürftig zusammengebundenen Holzstämmen besteht. Die zehnjährige Kendys hat jedes Mal Angst, dass ihr oder ihren Freunden etwas passiert. Sie könnten ausrutschen, von der Brücke fallen und sich dann schwer verletzen. Der ebenfalls zehnjährige Juan muss zwar nicht über die Brücke, doch ist sein Schulweg durch Dickicht und Schlamm kaum minder gefährlich. Denn auch Juan muss den Fluss überqueren – in einem wackligen Einbaum, und das bei Temperaturen von etwa 36 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 97 Prozent. Umstände, die die Schulkinder aus dem kolumbianischen Dorf täglich auf sich nehmen, um zur Schule zu kommen. Denn nur durch den regelmäßigen Unterricht, schaffen sie es, eines Tages ihren Traum von einem besseren Leben Realität werden zu lassen.
In Kenia bricht um 6.00 Uhr morgens die Dämmerung über die Savanne herein; da wacht der acht-jährige Moseka bereits seit zwei Stunden über die Ziegen und Kühe seiner Familie. Mit dem Ende der Nachtwache beginnt für den Massai-Jungen der Schulweg quer durch die wilde Savanne Kenias. Hunger und Durst sind dabei ständiger Begleiter. Auch leben hier wilde Tiere, mit deren Angriffen die Schüler immer wieder rechnen müssen. Doch es gibt auch Momente kindlichen Übermuts. Wenn die Kinder den Antilopen, Gazellen oder Gnus hinterherjagen. Manche Kinder sind bis zu vier Stunden unterwegs, bis sie in der Schule ankommen. Aber auch für sie geht es darum, durch Schulbildung eine bessere Chance fürs Leben zu bekommen.

Text und Foto (Internet): Rolf Hohmeier


 

Man lernt fürs Leben

Eigentlich hätte der Grundschullehrer Klugmann mit seiner roten Schnupfennase zuhause bleiben müssen, aber der Schulanfang und der Lehrerrmangel duldeten keine Schwäche. Schon gar nicht, wenn es sich die Grippe überall im Städtchen bequem gemacht hatte. Aber der erste Schultag würde ja nicht lange dauern. Liebe Kinder, röchelte Herr Klugmann, jetzt beginnt für Euch das Schulleben und, sicherlich wisst Ihr das schon, Ihr lernt fürs Leben. Wenn Ihr fleißig lernt, dann könnt Ihr später mal Arzt oder Apotheker werden oder auch Polizist oder Feuerwehrmann – natürlich auch die Mädchen. Nach einem beeindruckenden Niesanfall setzte er seine Weissagungen fort und öffnete dann, vom Schüttelfrost gebeutelt, die Tür um sich von den Kleinen bis morgen zu verabschieden.
Mit roter Nase und heftig niesend, trafen kurz darauf die Zwillinge Maxel und Bärbel wieder zuhause ein. Sofort eilte Mutti mit ihnen zum Arzt, welcher die beiden, seinerseits von Niesanfällen geschüttelt, untersuchte.
Aber, Onkel Doktor, warum hast Du eine so rote Nase, fragten die Kinder.
Weil ich erkältet bin.
Aber, Onkel Doktor, Du bist doch Doktor. Wieso wirst Du dann krank?
Dieser stellte ein Rezept aus und sprach: Ja, wisst Ihr, das ist wie beim Polizist Maier, dem wurde auch das Auto geklaut.
Der Herr Apotheker studierte das Rezept mit entzündeten Augen und kämpfte mit seiner Tropfnase.
Aber, Onkel Apotheker, warum hast Du eine so rote Nase? Du hast doch all die Medizin!
Ich bin erkältet, hüstelte dieser. Wisst Ihr, das ist wie beim Feuerwehrmann Huber, dessen Haus hat ja auch gebrannt.
Am folgenden Tag versammelten sich die Schulanfänger mit roten Nasen wieder um den prustenden Herrn Lehrer, und die Zwillinge ergriffen sofort das Wort:
Wir wollen nicht Doktor oder Apotheker oder Polizist oder Feuerwehrmann oder –frau werden. Das ist nämlich für die Katz!
Soso – und warum ist das für die Katz?
Der Doktor und der Apotheker haben rote Nasen. Dem Polizist Maier wurde das Auto geklaut, und beim Feuerwehrmann Huber hat das Haus gebrannt.
Ja, wisst Ihr, sprach da der Herr Klugmann, das ist wie bei mir zuhause. Mir bleibt auch nichts, außer der roten Nase. Ihr werdet später einmal den Herrn Fröhlich kennen lernen. Der ist Sozialkundelehrer und der wird Euch anhand einer sogenannten Steuertabelle erklären, dass Ihr Euch eine Grippe, ein Auto oder ein Haus, welches vielleicht abbrennt, kaum noch leisten könnt. Die Färbung der Wangen des Lehrers wurde intensiver, denn zur Schnupfenröte gesellte sich nun die Zornesröte und er stöhnte, jetzt fangen wir mit dem Rechnen an. Die wichtigste Rechenart ist das Abziehen oder, vornehm ausgedrückt, die Subtraktion, weil es immer darauf ankommt, was am Ende übrigbleibt. Sprach’s und trompetete einen erneuten Niesanfall vorschriftsmäßig in die Armbeuge.

Lernen ist nie für die Katz, aber so manche Investition am Ende doch.

Text: Gunter R. Schwäble


 

Schule des Lebens

Nicht für die Schule, sondern für das Leben. So wurde uns erzählt, als wir noch zur Schule gingen.
In unserer  Kindheit und  Jugend, die geprägt war von Krieg, Vertreibung, Armut und Wohnungsnot, mussten wir funktionieren. Es war niemand da, der sich darum kümmerte, ob wir mit unserem Leben klar kamen. Die Eltern waren mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, die sie jeden Tag zu bewältigen hatten. Der Wohlstand, den die heutige  junge Generation für  selbstverständlich hält, war uns weitgehend fremd.
Aber auch damals gab es natürlich Feste, die ausgiebig gefeiert wurden. Weihnachten und Ostern, Geburtstage mit Nachbarskindern. Familienfeiern wie Konfirmationen, Taufen oder Hochzeiten, gehörten selbstverständlich dazu. Und jeder Verein feierte sein Musik- oder Sommerfest. Das waren dann auch wieder fröhliche und unbeschwerte Zeiten!
Versuchungen vielerlei Art stürmen auf den jungen Menschen ein. Jede Generation muss ja alles wieder  neu erlernen. Also sind Fehler eigentlich unvermeidbar und vorprogrammiert. Nur durch die vielgerühmte Lebenserfahrung hat sie die Möglichkeit, richtig und angemessen zu reagieren.
Lehrjahre, sagt man, sind bekanntlich keine Herrenjahre. Und so war es ja dann auch. Viel Arbeit, wenig Rechte, Überstunden und nur ein kleines Gehalt. Aber dafür gab es nette Kollegen, sportliche Aktivitäten, wandern, schwimmen, Ski fahren oder tanzen. Erste Reisen in ferne Länder, Einblicke in fremde Sprachen und Kulturen. Blicke über den Tellerrand hinaus in neue Welten.
Es gab Probleme, die man bewältigen musste. erste Freundschaften, die dann zerbrachen, aber auch Erfolge, die dann immer wieder neue Herausforderungen brachten.
Ziele, die man erreichen wollte, die verstellt waren durch unvorhergesehene Lebensumstände wie, eine neue Partnerschaft, Krankheit, Berufs- oder Wohnungswechsel.
All das gehört dann auch wieder zur Schule des Lebens.
Heiraten, Kinder erziehen, Zukunftspläne schmieden, den Beruf und Haushalt bewältigen, ein Haus bauen und es wohnlich einrichten, damit es ein Zuhause für die Familie werden kann, stellten uns immer wieder vor neue Probleme. Eltern, die alt geworden sind und Hilfe und Pflege brauchten. Wie immer lag alles nahe beieinander! Erfolg, Glück, Freude, aber auch Niederlagen, Verzicht, Krankheit und  Trauer.
Immer wieder aufstehen, sich am eigenen Schopf packen und  hochziehen. Sich herantasten an die richtige Lebensweise, eine Gangart finden, die einem gut tut. Damit sich eine innere Zufriedenheit einstellen kann. Positiv nach vorne blicken auch in schwierigen Zeiten, wie Krisen und Krankheiten. Sich nicht aufgeben, sondern dem Mut und der Zuversicht eine Chance geben. Denn immer wieder gibt es Veränderungen, Abschied und Neuanfang.
Plötzlich aber ist man selbst alt geworden, kämpft an vielerlei Fronten, um das gewohnte Leben aufrecht erhalten zu können. Kann zurückblicken auf ein langes Leben, muss annehmen, was nicht zu ändern ist, reich an Wissen und Lebenserfahrung. Versucht zu verzeihen und zu vergeben. Immer auf der Suche nach einem als wahrhaftig tief empfundenen Frieden!

Text & Collage: Gudrun Roßmann


 

Die Sache mit dem Wandspruch

Es war einmal… und doch habe ich es immer noch im Gedächtnis, als wäre es gar nicht so lange her. Eine Kleinstadt in Thüringen im Herbst 1948, Beginn eines neuen Schuljahres, in meinem Fall das 8. Volksschuljahr, Alter der Protagonisten:14-15 Jahre.
Einführung eines neuen Schulsystems in der sowjetischen Beatzungszone, wenige Monate vor Gründung der DDR:  8 Jahre Volksschule für alle, danach Abschluss bzw. Überwechseln in 4 Jahre Oberschule für die mental und politisch Geeigneten. Dies fiel zusammen mit einer Neuaufteilung der Schulen aus reinen Mädchen- bzw. Knabenschulen in gemischte Schulen, aber mit getrennten Klassen und Schulaufteilung entsprechend den Stadtteilen Ost und West.
Weitere Besonderheit: In meiner West-Schule lag die Anzahl der Schüler im 8. Schuljahr höher als 60, also viel zu hoch; es musste geteilt werden. Aufteilung bedeutete auch: Neues Klassenzimmer. Dazu Anregung von oben: Gegenwartsnah ausschmücken. Der Klassenlehrer verstand es sehr gut, in solche Entscheidungen die Schüler einzubeziehen und auch zu motivieren. Ein Schüler meldet sich. Er habe daheim einen Wandspruch, bestehend aus einzelnen Buchstaben, die man z.B. an der Wand über dem Lehrerpult befestigen könnte. Wie der Spruch laute? „Friede ernährt, Unfriede verzehrt.“ Zustimmender Beifall des Klassenlehrers, Spruch wird gebracht, wird befestigt.
Schön, doch da fehlt doch was, damit ist die Wand noch zu leer. Da muss noch Leben hin, z.B. Bilder, gegenwartsnahe, Führergrößen des Sozialismus. Da sich in dessen deutscher Version zu diesem Zeitpunkt noch keine solchen hervorgetan hatten, blieben nur die großen Vorbilder des noch größeren Nachbarn, Lenin und natürlich der große Führer der Sowjetunion, Stalin. Gut, aber wo kriegt man Bilder dieser beiden Größen her, noch dazu in passenden Maßen? Die Schule hat keine, so weit war man in Sachen Sozialismus noch nicht fortgeschritten.
Geistesblitz: Dienststelle der SED! Die müssten doch so was haben! Wer geht hin? Nachdem ich das dankbare Amt des Klassensprechers inne hatte, fiel die Wahl automatisch auf mich. Allerdings war man verständnisvoll genug, mich nicht allein gehen zu lassen, und so bekam ich zwei Mitschüler als Begleitpersonen mit. So kreuzten wir also zu dritt in dieser Dienststelle auf. Dort fand man unsere Idee zwar sehr positiv, nur: über solche Bilder verfügte man nicht, sah auch keine Möglichkeit, sie zu beschaffen. Und war da nicht auch so ein bisschen Misstrauen zu bemerken? Dass da diese Burschen die Sache nicht so ganz ernst zu nehmen schienen und vielleicht Schindluder damit treiben könnten? So ganz ohne geordnete Parteikontrolle? So was hätte doch mindestens in Form einer Abordnung von der FDJ kommen müssen… Also, nix.
Aber so schnell ließen wir nicht locker. Eine meiner Begleitpersonen rettete die Situation, nämlich: Seine Mutter war selbständige Schneidermeisterin. Aus alten Heeresbeständen der Wehrmacht, vorzüglich der Luftwaffe, schneiderte sie Offizieren der Roten Armee hervorragende Sowjet-Ausgeh-Uniformen, sodass alle, die was auf sich hielten, in Luftwaffenblau russischen Schnitts durch die Stadt promenierten. Auf diese Weise hatte anscheinend auch der Herr Sohn Zugang zu den höheren Kreisen der Besatzungsarmee bekommen, und der war nun auch bereit, seine Beziehungen spielen zu lassen.
Schon am nächsten Tag kam er freudestrahlend ins Klassenzimmer: Wir können uns im Laufe des Vormittags beim Wachposten am Sperrgebiet melden und würden dann hereingelassen. Dazu muss man wissen, dass es am Ortsrand ein Krankenhaus gab, das beschlagnahmt worden war und damit gleich der ganze angrenzende Straßenzug. Am Anfang der Zufahrtstraße gab es einen Schlagbaum mit Wachposten. Der hängte sich an sein Telefon, und nach kurzer Zeit durften wir das verbotene Territorium betreten. Es empfing uns ein freundlicher Offizier, der leidlich deutsch sprach und uns versprach, uns die Bilder in den nächsten Tagen zur Verfügung zu stellen. Anschließend bekamen wir bei seiner Gattin noch eine Tasse russischen Tee serviert und durften nach angemessenem Smalltalk die heiligen Hallen wieder verlassen.
Und tatsächlich: Nach ein paar Tagen kam, wiederum freudestrahlend, unsere „Kontaktperson“, diesmal mit zwei Bildern, schön gerahmt, im passenden Format: Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin und Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilij alias Stalin! Nun mussten die beiden nur noch an die richtige Stelle gehängt werden. Der Wandspruch prangte schon über dem Lehrerpult, und darüber wurden nun die beiden Herrschaften platziert, links Lenin, rechts Stalin.
Moment mal, wäre da jemandem was aufgefallen? Ein Murmeln ging durch die Bankreihen… Wie lautete der Spruch noch mal? „Friede ernährt, Unfriede verzehrt“. Na und? Stimmt doch. Na ja, aber die Bilder! Lenin überm Frieden, Stalin überm Unfrieden? Honni soit qui mal y pense, hätten wir gesagt, hätten wir damals schon französisch gekonnt. Andererseits: Wir hatten ja keine andere Wahl, einer von den beiden musste rechts, der andere links über dem Spruch angebracht werden, aber wer? Ja, so konnte man damals schon in frühester Jugend in die mentale Bredouille kommen. Eigenartig nur, auch der Klassenlehrer hatte absolut keine Einwände gegen die Anordnung… Hatte der wirklich nichts gemerkt? Und die Mitschüler? Hinter vorgehaltener Hand konnte man manchen Kommentar hören, dagegen aber hatte keiner was. Und auch der linientreue Russischlehrer, den wir kurz darauf bekamen, enthielt sich jeder Äußerung.
Und die Moral von der Geschichte? Überfordere junge Menschen nicht mit ideologisch beladener „Gegenwartskunde“. Es könnte sein, dass sie heller sind, als es den Oberen recht ist, auch, wenn ihre Reaktionen so subtil ausfallen, dass es kaum jemandem auffällt. Hatten die Typen in der SED-Dienststelle vielleicht doch nicht ganz so Unrecht mit ihrem Misstrauen?

Gottfried Sauer


 

Die beste Schule für mein Kind

Gibt es die perfekte Schule? Jeder kennt aus eigener Erfahrung die Institution Schule, hat individuelle Erfahrungen gesammelt und ist unterschiedlicher Ansicht darüber. Kommt das eigene Kind  ins schulfähige Alter, stellt sich manch einer die Frage, was denn der ideale Lernort wäre und wo das Kind am besten auf das Leben vorbereitet wird. Wenn sich Eltern dann gegen die staatliche und für eine Privatschule entschieden haben, haben sie die Qual der Wahl. Sie können aus einer Vielzahl von Freien Schulen wählen mit einer ebenso großen Unterschiedlichkeit in den pädagogischen Ansätzen. Es gibt viel Literatur darüber*, außerdem hatte ich das Glück, mit einer Montessori-Lehrerin reden zu können, die selber eine Waldorfschul-„Karriere“ hinter sich hat. Daraus ergab sich die Möglichkeit eines Vergleichs Waldorfschule – Montessorischule.

Geschichte

Rudolf Steiner (1861-1925)

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart gegründet durch den  Zigarettenfabrikanten (Marke „Waldorf-Astoria“) Emil Molt, der durch Vorträge des Anthroposophen Rudolf Steiner über Erziehung und Schulfragen sensibilisiert wurde. Den Kindern seiner Arbeiter wollte er eine gute Schulbildung zukommen lassen, und so kam es, dass Kinder aus finanziell gut aufgestellten Kreisen und Arbeiterkinder, denen Molt das Schulgeld zahlte, erstmals eine gemeinsame schulische Erziehung erhielten. Zentrales Ziel ist die Erziehung zur Freiheit.
Montessori. Maria Montessori war 1896 die erste Ärztin in Italien. Spezialisiert auf Kinderpsychiatrie, hatte sie auch pädagogische Interessen. Durch intensive Beobachtung der Kinder entdeckte sie, dass sie selbst ihre kleinen Brotrationen in Handlungsgegenstände verwandelten, mit denen sie sich stundenlang beschäftigten. Davon inspiriert erfand sie heilpädagogische Materialien für den Sprach- und Mathematikunterricht, sowie Übungen des täglichen Lebens, die sie in der von ihr 1907 gegründeten Casa dei Bambini, einer Tagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Familien, einsetzte und mit denen sie überwältigende Lernerfolge erzielte. Daraus entstanden das Konzept der Montessori-Pädagogik und die ersten Montessori-Schulen (1924 wurde die erste Montessori-Schule in Italien gegründet).

Pädagogisches Konzept
Waldorfschule. Denken (intellektuell), Fühlen (künstlerisch-kreativ), Wollen (handwerklich-praktisch): alle drei Fähigkeiten sollen gleichzeitig gefördert werden. Es gibt keinen festen Lehrplan, sondern die Lehrkraft entscheidet über Lernziele und Geschwindigkeit anhand der Entwicklung der Klasse (es gibt einen Klassenverbund, der von der 1.-12. Klasse zusammenbleibt). Deshalb hat eine Klasse denselben Klassenlehrer/dieselbe Klassenlehrerin bis zum 8. Schuljahr (das kann Probleme geben, wenn ein Schüler oder eine Schülerin es mit dem Lehrer/der Lehrerin nicht so „kann“!). Der Focus wird auf Bildung gelegt, aber nicht nur vermittelt durch die Lehrperson, sondern durch eigene Erfahrungen. Die Schüler dürfen vieles ausprobieren, die Natur wird wertgeschätzt, Zusammenhänge sollen verstanden und die eigene Urteilskraft gestärkt werden. Es gibt keine Noten, um die Leistung zu messen, sondern Beurteilungen; bei regelmäßigen Monatsfeiern, Theater- und Eurythmie-Aufführungen wird das Gelernte gezeigt. Die Tage beginnen stets mit dem sogenannten Hauptunterricht. Hier widmet sich die Klasse jeweils drei Wochen während der ersten beiden Schulstunden einem Fach und einer Thematik. Von Deutsch über Mathematik, Naturwissenschaften, Geografie oder Geschichte tauchen die Schüler intensiv in das jeweilige Thema ein. Im weiteren Tagesverlauf  kommen verschiedene Bereiche aus Kunsthandwerk, Gartenbau, Sport dazu, ebenso Fremdsprachen ab Klasse 1 (Englisch, Russisch oder Französisch). Eurythmie wird von der 1. bis 12.  Klasse geübt. Die Eltern sind stark einbezogen (freiwillig!), neben staatlichen Zuschüssen sind sie finanziell gefordert.

Maria Montessori (1870-1952)

Montessori. Das Kind wird als „Baumeister seiner selbst“ verstanden. Die Pädagogen sind dazu da zu beobachten, wann und wofür ein Kind gerade sensibilisiert ist, in welcher Phase es gerade steckt; auf Kontrolle (auch seitens der Eltern) wird verzichtet   – „Hilf mir, es selbst zu tun“. Sie machen eine vorbereitete Umgebung mit Lernmaterialien, die dem gerade aktuellen Interesse und Entwicklungsstand des Kindes entsprechen. Diese Materialien sind sehr klar strukturiert und haben eine ganz bestimmte Funktion und eine aufbauende Systematik (Sandpapierbuchstaben zum ersten Kennenlernen, dann Buchstaben aus Holz, das Rechnen fängt mit Perlen an usw.). Die Rolle der Pädagogen ist die von Beratern oder Partnern, es werden keine Noten gegeben, sondern Entwicklungsberichte geschrieben. Die Kinder werden in die Reflexion ihrer Arbeiten mit eingebunden, können selbst beurteilen, ob sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Es gibt idealerweise einen altersgemischten Klassenverbund, in dem die Individuen sich gegenseitig bereichern und inspirieren. Jedes Kind darf nach eigenem Rhythmus und eigener Geschwindigkeit Freiarbeit machen. Ab der Sekundarstufe kommt Projektarbeit bzw. praktische Arbeit (Holzbearbeitung, Kfz-Technik u. a.) dazu.

Und was sagt die Expertin?
Zentral ist bei der Entscheidung, dass es ein Lernort ist, an dem mit Lust und Freude Neues entdeckt werden kann. Jedes Kind ist anders und kommt aus einem sehr unterschiedlichen familiären Hintergrund. Die Haltung der Erwachsenen ist wesentlich. Daher gibt es nicht die eine perfekte Schule.  Gemeinsam ist beiden Schulsystemen der andere Blick auf das Kind. Wer eine Schule mit einem ganzheitlichen System und Konzept von Klasse 1-12 sucht, mit einem festen Klassenverbund, und gerne seine handwerkliche und künstlerische Seite entwickeln möchte, ist in einer Waldorfschule gut aufgehoben. Wer eigenverantwortlich arbeiten, sich durch Arbeiten mit Materialien Inhalte erschließen möchte, das soziale Miteinander üben und bei individuellen Themen in die Tiefe gehen möchte, wird sich auf einer Montessori-Schule wohlfühlen. Bei beiden Schulen sind die Eltern gefordert und stark mit einbezogen, auch finanziell (obwohl es staatliche Zuschüsse gibt).

Text: Toni Sauer
*Quelle: L. Hutzenlaub/ H. Lambertus/ P. Plaum: Die beste Schule für mein Kind. Eden Books  2017.


 

Frühlingserwachen

Ein erster Frühlingshauch streicht über Stille,
die lastend auf den Wäldern liegt.
Noch ist sie unberührt, die weiße Hülle
Und Reif noch auf den Zäunen blüht.

Doch mit den ersten Sonnenstrahlen
der Vögel Chor erwacht
und mit dem Morgenlicht, dem fahlen,
vertreibt er eine kalte Nacht.

Langsam verliert der Wald sein weißes Kleid,
das ihm der Winter angezogen,
die Äste heben sich befreit,
von Lasten die sie tief gebogen.

Es taut das Eis vom Rand der Bäche,
die Weidenkätzchen blühen auf,
der Schnee gibt frei so manche Fläche
und die Gewässer beschleunigen den Lauf.

So zieht er ein, der junge Frühling,
erobert langsam die Natur.
Vom Winter, der so kalt und lästig,
verschwindet täglich eine Spur.

 Walter Graef (2020)


 

Das schönste Ferienerlebnis

Hohenneuffen

So lautete das Aufsatzthema nach den Sommerferien anno 1946. Gisela schilderte darin den herrlichen  Ausflug zum Neuffen, den die Dote  mit ihr allein gemacht hatte – an ihrem achten Geburtstag. Als Überraschung bereitete   Dote dort auf einem Esbit-Kocher echten (!) Bohnenkaffee zu, den Gisela sehr mochte, aber daheim nicht bekam.  Leider verpassten sie den einzigen Bus zur Rückfahrt und mussten sich deshalb zu Fuß auf den langen Heimweg machen: vom Neuffen zur Bassgeige, von dort steil hinab nach Beuren, weiter ins Tiefenbachtal und durch  den Talwald bis zu den Bürgerseen und der Hahnweide, dann endlich nach Hause. Dote war unterwegs immer schweigsamer geworden, weil eine aufgescheuerte  Ploader sie sehr plagte. Ploader heißt auf hochdeutsch sicher Blader, überlegte Gisela und schrieb es so ins Heft. Die Lehrerin war eine Ostpreußin und korrigierte Blader in *„Blatter“. Zuhause schrieb Gisela die angeordnete Verbesserung. Ihre elf Jahre ältere Schwester kam dazu, las und kommentierte das Geschriebene mit der Feststellung: „Da ist die Lehrerin so blöd wie du!“ Und sie verlangte von der Jüngeren, das richtige Wort  „Blase“ zu schreiben. Das geschah nur sehr widerstrebend. Die Lehrerin reagierte am nächsten Tag in der Schule sehr verständnisvoll; sie hatte aber weiterhin Schwierigkeiten mit den Schwabenkindern, wie diese mit ihr.

*Blattern sind Pocken (eine hoch ansteckende, lebensgefährliche Krankheit, die erst um 1980 weltweit als ausgerottet gilt).

Foto u. Text: Sabine Wenzel


 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Dieses Lied (EG Nr. 503) schrieb im Jahr 1653, nur fünf Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, der überzeugte Lutheraner  Paul Gerhardt (1607-1676). (Geboren in Gräfenhainichen, Schulbesuch  in Grimma, Theologiestudium in Wittenberg, Hauslehrer in  Berlin und ab 1651 Propst im brandenburgischen Mittenwalde…)    Von allen  15 Strophen stehen hier die meist gesungenen ersten drei:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben …

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide …

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder …

Und  die sechste:

Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise …

Die heute übliche und zum Mitsingen anregende Melodie des Liedes schrieb vor 1813 der sächsische Musiker und Schriftsteller  August Harder in Leipzig.

Bild & Textauswahl: Sabine Wenzel


 

Gut gemeinter Rat

Es muss so um 1948 gewesen sein als wir an einem glühend heißen Sommertag über einer Mathearbeit brüteten. Im Klassenzimmer herrschte eine tropische Hitze, denn es befand sich in einer Holzbaracke – in einer von vielen, welche in Ulm als Schulprovisorium auf dem Ruinenareal der alten Schule zusammengenagelt worden waren.
Natürlich standen alle Fenster weit offen, so dass man das Richtfest eines Wohn-gebäudes, gegenüber, Wort für Wort mitbekam. Soeben setzte der Zimmermann im Dachgebälk zu einem Schluck aus einem Weinglas an als der Hausmeister der Schule, Herr Reichle, auftauchte. Ein Mitschüler, der am Fenster saß, gab dem Pedell (so wurde der Barackenpfleger der „Höheren Lehranstalt“ hochtrabend tituliert) ein Zeichen und brüllte wohlmeinend: “Sauet Se, Herr Reichle, sauet Se, na kriagat Se au no ebbes!“
„Vortreten“, brüllte nun auch der Mathepauker und verhalf dem Scherzbold zu einem saftigen Eintrag ins Klassenbuch.

Text: Gunter R. Schwäble